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Ode an den Loser: Schluss mit der Selbstoptimierung

Zeitgeist

Ode an den Loser: Schluss mit der Selbstoptimierung

  • Text: Marian Donner
  • Bild: Stocksy

Endlich raus aus dem Hamsterrad der Selbstoptimierung! Die holländische Autorin Marian Donner plädiert dafür, dass wir alle mehr stinken, trinken und scheitern sollten, statt ins Achtsamkeitsseminar zu pilgern.

Auf einer Party kam ich ins Gespräch mit einer jungen Autorin. Es war eine hippe Party, irgendwo in Amsterdam-Nord, mit Musik aus den Achtzigerjahren. Leise summte ich mit, als «Tell It to My Heart» von Taylor Dayne lief, ich fragte mich dabei, was wohl aus ihr geworden sein mochte. Früher lieferten ihre Songs die Hintergrundmusik für unendliche Sommer, ihr Porträt hing in Millionen von Jugendzimmern. Mittlerweile musste sie so um die fünfzig sein. Ob sie wohl dick geworden war? Ich hoffte es jedenfalls. Und hoffentlich trat sie immer noch auf, in ihren typischen, viel zu stramm sitzenden Kleidern, in irgendwelchen heruntergekommenen Diskotheken an der italienischen Küste, wohin sich gelegentlich ein paar Touristen verirrten und sich einen Augenblick lang in die Achtziger zurückversetzt wähnten. Damals, als noch alles möglich zu sein schien.

Die Jungautorin auf der Party konnte meiner Fantasie überhaupt nichts abgewinnen. Sie war vielmehr der Ansicht, es gebe nichts Traurigeres als Menschen, die einfach stur weiter ihr Ding durchzögen. Abgehalfterte Popstars beispielsweise. Oder gescheiterte Autoren, die ihre Bücher im Selbstverlag veröffentlichen. Oder selbst ernannte Künstler, die noch nie ein Werk erschaffen, geschweige denn eines verkauft haben. Leute eben, fügte sie hinzu, meist Männer, die noch mit vierzig in einer Mansarde hausen, ohne Arbeit, ohne Familie und ohne irgendetwas zustande gebracht zu haben und trotzdem unbeirrt von einer glanzvollen Zukunft träumen, die niemals kommen wird.

Ein wahrhaft beschissenes Leben

Vor einigen Jahren hatte eine bekannte Zeitschrift eine Fotoserie über genau diese Sorte Mansarden herausgebracht. Die Bewohner waren einsam und verlassen gestorben und hatten nichts hinterlassen ausser staubigem Gerümpel und einem Stapel ungeöffneter Briefe der Steuerbehörde. Im Begleittext der Fotoreihe ging es um das Scheitern, das diese Leben kennzeichnete: «… kein Geld, keine Perspektive, und dazu noch die Einsamkeit, ein wahrhaft beschissenes Leben.» Woran sich die Jungautorin, wie sie jetzt sagte, jedoch in erster Linie störte, war die Unfähigkeit dieser Leute, die Welt zu begreifen. Zu verstehen, wie es läuft und sich daran anzupassen. Sie bezeichnete sie als Loser oder Volltrottel.

Ich war sprachlos. Aber, stammelte ich, das sind doch die besten Menschen! Gerade weil sie die Welt nicht verstehen. Zugegeben: Niemand muss heute noch zu den Losern gehören. Unzählige Artikel, Kurse, Bücher und Videos klären darüber auf, wie man erfolgreich sein kann. Mach es wie die anderen Sieger, liesse sich die Botschaft zusammenfassen, dann schaffst du es auch. Raus aus der Komfortzone, sag auch mal Nein, hab Selbstvertrauen, räum dein Zimmer auf, übe feste Gewohnheiten ein, betrachte Scheitern lediglich als eine Lektion, um es beim nächsten Mal besser zu machen; und vergiss das Lachen nicht, das reduziert den Stress.

Wir sind wieder im viktorianischen Zeitalter

Gesunder Geist, gesunder Körper. Superfood, grüne Smoothies, treibe Sport und vor allem: Mach Yoga und sei achtsam. Kein Wunder, dass sich heute in jedem Park ein Fitnessbereich befindet, in dem halbnackte Sportler ihr tägliches Übungspensum absolvieren. Oder dass sich auf so gut wie jedem Fitzelchen Rasen eine Work-out-Gruppe in Burpees und Jumping-Jacks übt. Gesund und erfolgreich will schliesslich jeder sein, oder etwa nicht?

Wir sind wieder zurück im viktorianischen Zeitalter, hiess es unlängst im amerikanischen Magazin «Jacobin». Denn damals wie heute geht es vor allem um Selbstdisziplinierung. Wir müssen an uns arbeiten: nicht auf dem Sofa abhängen, sondern glücklich sein! Während früher Korsette die Körper einschnürten, zwängen wir uns heute in Yoga-Leggins, und To-do-Listen takten unseren Alltag. Das Ziel ist jedoch dasselbe geblieben: die Selbstoptimierung. Oder «Bildung», wie man es damals nannte.

Bildung diene auch heute noch dazu, benachteiligte Schichten an ihrem gesellschaftlichen Aufstieg zu hindern, hiess es in dem Artikel. Denn Selbstoptimierung ist nicht zuletzt eine Frage von Zeit und Geld, was gern unter den Teppich gekehrt wird. Selbstoptimierung, Erfolg, das scheinen auf den ersten Blick Optionen zu sein, für die wir uns entscheiden können, und folgerichtig hat es sich auch jeder selbst zuzuschreiben, wenn er noch übergewichtig oder nicht gesund ist. Das Scheitern der Gesellschaft wird heruntergebrochen auf das individuelle, moralische Scheitern.

Zigaretten und Cheeseburger

«Höhere Steuern oder staatliche Gesundheitsvorsorge sind daher überflüssig», steht da im «Jacobin»: «Die Armen würden das Geld sowieso nur für Zigaretten und Cheeseburger ausgeben.» Statt in den Park zu gehen und zu joggen. Und begreifen, wie unsere Welt funktioniert. Ich denke, dass noch etwas anderes mitspielt. Denn inzwischen arbeitet längst nicht mehr nur die obere Mittelschicht an sich selbst. Auch Schüler und Gefängnisinsassen werden über Achtsamkeit aufgeklärt. Sogar mein Sohn erhält in seinem ganz normalen Kindergarten Yoga-Unterricht. In Grossunternehmen wie Apple oder Google gehört die Meditations-App Headspace mittlerweile standardmässig zum Angebotspaket für Mitarbeiter. Und allen wird das Mantra eingetrichtert, dass ihr Leben das ist, was sie daraus machen.

Immer häufiger beschleicht mich das Gefühl, all die Bildung – allem voran Yoga und Achtsamkeit – sei in Wirklichkeit so etwas wie das geistige Äquivalent von Ritalin oder der Droge Soma aus dem Roman «Schöne neue Welt» («ein Gramm versuchen und nie mehr fluchen»). Eine Art Betäubungsmittel, um Menschen ruhig zu stellen, damit sie ihre Wut und ihre Ängste gelassen hinnehmen. Damit sie das eigentlich Unerträgliche ertragen. Und vergessen, wie unbegreiflich die Welt im Grunde ist.

Gib doch mal zu, hätte ich an jenem Abend am liebsten zu der jungen Autorin gesagt, dass diese Welt überhaupt nicht zu verstehen ist. Wer versteht denn schon, warum ein Flug nach London nur 25 Franken kostet, während du gleichzeitig 1500 Franken für deine 25-Quadratmeter-Wohnung bezahlen musst. Du verstehst doch auch nicht, wieso 1.5 Milliarden Menschen in Armut leben oder warum am Nordpol ausgehungerte Eisbären umherstreifen.

Weil unser Hauptaugenmerk inzwischen auf Selbstoptimierung (oder Bildung) liegt, sind wir zur Überzeugung gelangt, etwas mit uns selbst würde nicht stimmen, wenn wir es nicht schaffen. Und dass wir daher auch diejenigen seien, die sich ändern müssten. Ein Burn-out deutet auf mangelnde Belastbarkeit hin und nicht auf zu grosse Arbeitsbelastung, überhöhte Mieten oder soziale Unsicherheit. Aufschieben ist gleichbedeutend mit einem Mangel an Willenskraft und nicht die Folge einer Technologie, die ausdrücklich darauf abzielt, uns abzulenken und süchtig zu machen. Es liegt an den Hirnen der Kinder, wenn sie in viel zu grossen Klassen mit überarbeiteten Lehrern nicht stillsitzen können. Und wenn junge Menschen deprimiert sind, dann deswegen, weil sie dem schönen Schein der Instagram-Bilder erliegen. Als ob es normal wäre, in einer Welt zu leben, in der alles immer mehr, schneller und besser werden muss und in der nichts je gut genug ist.

Mit der Welt stimmt etwas nicht

Aber nicht wir selbst sind es, mit denen etwas nicht stimmt; die Welt um uns herum ist nicht in Ordnung. Diese Welt wurde tatkräftig von Menschen, meist Männern, gestaltet. Leuten, die morgens ordentlich ihr Bett machten, fleissig ihre To-do-Listen abarbeiteten, sinnvollen Freizeitbeschäftigungen nachgingen – sie sind es, die diese Welt geprägt haben. Weil sie wussten, wie es darin zugeht und anpassungsfähig waren. Das beweist aber nicht zwingend, dass diese Leute, meist Männer, auch die besten Ideen hatten. Oder dass es in der Geschichte nicht viele andere Menschen gab, beispielsweise Frauen, deren Vorstellungen davon, wie die Welt sein sollte, eindeutig besser waren.

Wer sagt eigentlich, die einsamen Toten in der Fotoserie hätten ein beschissenes Leben gehabt? Vielleicht haben sie selbst es ganz anders beurteilt. Womöglich war die Welt in ihren Köpfen um vieles kreativer und leidenschaftlicher als die unsere. Wir können nicht wissen, wie tiefsinnig ihre Gespräche waren, wie durchdringend ihre Erkenntnisse oder wie wahrhaftig ihr Blick.

Wir werden nie erfahren, was mit jedem, der einsam und verlassen starb, verloren ging, aber, dachte ich, umringt von der literarischen Schickeria auf der hippen Party in Amsterdam-Nord, die Chancen, dass in einer dieser Mansarden jemand gelebt hat, der uns allesamt an Bedeutung überragte, stehen nicht schlecht. Nach der Party recherchierte ich ein wenig. Taylor Dayne sah immer noch genauso aus wie vor dreissig Jahren. Sie hatte kein Gramm zugenommen und war nahezu faltenfrei. Für sie war die Zeit offenbar stillgestanden. Und vor ein paar Jahren hätte sie in einer Promi-Koch-Show im Fernsehen beinahe den ersten Platz erobert.

Ja, Taylor Dayne hat zweifellos fleissig Yoga gemacht und auch die eine oder andere Schönheits-OP nicht verschmäht. Sie hat ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und es fertiggebracht, den unendlichen Sommer aus den Achtzigerjahren bis heute auszudehnen. Weil sie nämlich begriffen hat, wie unsere Welt funktioniert. Jung und vital bis zum bitteren Ende, so die Devise, denn niemand will die Fragilität des Körpers sehen oder den Schmerz der vergehenden, entschwindenden Zeit empfinden.

Hauptsache, der Bauch ist straff

Menschen wollen hören, dass sie alles kontrollieren können und alles gut wird, solang nur der Bauch straff aussieht. Sie suchen nach Beweisen und Bestätigungen, dass ihre Ängste und ihre Verzweiflung unbegründet sind und ihre Schmerzen irgendeinen Sinn haben. Diejenigen in den Mansarden, die sogenannten Loser oder Volltrottel, können ihnen diese Bestätigungen nicht liefern. Weil sie nicht wollten oder nicht konnten, haben sie sich nicht angepasst und sich nicht, entsprechend den ungeschriebenen gesellschaftlichen Gesetzen, optimiert. Sie haben das Spiel nicht mitgespielt und konfrontieren ihre Mitmenschen daher mit einer anderen Realität. Sie haben der Welt, wie sie heute ist, eine Absage erteilt.

Jetzt sei doch mal ehrlich, hätte ich an jenem Abend gern zu der Jungautorin gesagt: Ist diese Absage denn nicht vollkommen gerechtfertigt? Diese energiegeladenen Typen mit ihren Selbsthilferatgebern, stinkteuren Yoga-Stunden und quietschgrünen Smoothies heulen doch einfach nur mit den Wölfen. Sie haben sich nahtlos an eine Gesellschaft angepasst, in der stetig mehr Menschen an den Rand gedrängt zu werden drohen. Die Einzigen, die diesen Kreislauf durchbrechen, sind diejenigen, die ausserhalb dieser Gesellschaft stehen.

•Aus dem Niederländischen von Sabine Reinhardus

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