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Familie Nasser flüchtete vor dem Syrien-Krieg in die Schweiz: «Vor uns hatten sie Angst und dachten, wir seien Terroristen»

Politik

Familie Nasser flüchtete vor dem Syrien-Krieg in die Schweiz: «Vor uns hatten sie Angst und dachten, wir seien Terroristen»

Die Familie Nasser flüchtete vor dem Krieg in Syrien und kam 2013 in der Schweiz an. Mit dem Krieg in der Ukraine kommen bei der Familie nun wieder eigene Traumata und schlimme Erinnerungen hoch. Reporterin Andrea Pfalzgraf hat die Nassers in den letzten acht Jahren mit der Kamera begleitet.

«Es war der Horror, einfach nur Horror, ein Trauma.» Raoaa Nasser ist vor acht Jahren aus dem Krieg in Syrien in die Schweiz geflüchtet. Nie hat sie es bisher so deutlich ausgesprochen. Erst als sie Mitte März 2022 die Bilder aus der Ukraine sieht, kann sie einfach nicht mehr anders, als das fast nicht Aushaltbare, ihre Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht so konkret zu benennen.

«Überall ist Staub, ein unglaublicher Lärm und sehr viele Menschen, die rennen. Die Strassen sind übersät mit Glas, Metallsplittern, Bombenteilen und Steinen. Viele Menschen schreien, schreien und schreien. Andere sind ganz still. Sie sind sehr bleich, als wäre alles Blut aus ihnen gewichen. Und dann diese unglaubliche Angst, sie ist fast greifbar.» Wenn ihre beiden Kinder sie fragend anschauen, versucht sie zu lächeln und Sicherheit zu vermitteln. Obwohl in ihr totaler Aufruhr herrscht und die nackte Angst in ihren Augen sie verrät.

«Ich habe nur die Medikamente für die Kinder einpacken können, sonst nichts»

«Ich habe nur die Medikamente für die Kinder einpacken können, sonst nichts. Jedes Kind ein Plüschtier, fertig.» Dann rennen sie. Fragen die Kinder, warum jetzt plötzlich Krieg ist und warum sie das erleben müssen, weiss sie keine Antwort. Es fallen ihr fast keine beruhigenden Worte mehr ein. Niemand will sich richtig verabschieden. Sie können es selbst nicht glauben, dass dieser Moment ihr Leben für immer verändern wird. Aber sie spüren es genau.

2013 darf die vierköpfige Familie Nasser in die Schweiz einreisen, zusammen mit insgesamt 17 Familienmitgliedern. Einer ihrer Brüder lebte bereits in der Schweiz, studierte hier und war mit einer Schweizerin verheiratet. Er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und irgendwann waren sie da. Da waren sie aber in Syrien bereits drei Jahre auf der Flucht. Sind bei Verwandten oder Bekannten untergekommen. Oder in einem Keller. Oder im Betrieb des Vaters.

Einen zweiten Krieg könnte sie nicht aushalten

Im Asylzentrum in Lyss leben Raoaa (29), ihr Mann Ammar (32) und die beiden Kinder Kusai (9) und Judi (5) in einem Zimmer. Sie teilen die Gemeinschaftsküche mit 160 anderen Asylbewerber:innen. Nach zweieinhalb Jahren dürfen sie in eine kleine Dreizimmerwohnung in Köniz bei Bern ziehen. Sie sind dankbar.

Und jetzt ist wieder Krieg. Russland hat die Ukraine überfallen und mit den Kriegsbildern kommen bei Familie Nasser die schlimmsten Erinnerungen wieder hoch. Eine Nichte von Kusai, sie war damals elf Jahre alt, als sie in der Schweiz ankamen, sagte ihrer Mutter vor einer Woche: «Sollte es in der Schweiz Krieg geben, werde ich Tabletten nehmen und mich umbringen.» Sie ist jetzt 19 Jahre alt und überzeugt, dass sie keinen zweiten Krieg aushalten könnte.

«Vor uns hatten sie Angst. Sie dachten, wir seien alle Terroristen»

Die Schweiz heisst die Flüchtlinge aus der Ukraine willkommen. «Vor uns hatten sie Angst. Sie dachten wir seien alle Terroristen», stellt der heute 17-jährige Kusai fest. «Das ist doch rassistisch oder?» Seine Mutter Raoaa weist ihren Sohn darauf hin, dass man genau hinschauen müsse. Es sei nie nur schwarz oder weiss. Auch wenn jetzt ungute Gefühle hochkommen, ist ihr Herz bei den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Mit nur einem Paar guten Schuhen, damit sie im Notfall schnell rennen können.

«Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht eifersüchtig reagieren, auch wenn vielleicht auf den ersten Blick keine Gerechtigkeit sichtbar ist», versucht Raoaa ihrem Sohn zu erklären. Natürlich läuft da etwas nicht so gut. Aber was können die Menschen dafür? Und die Nassers wissen ganz genau: Wenn man in Sicherheit ist im neuen Land, dann fängt es erst an. Die meisten kommen aus einem guten Leben. Mittellose, kranke oder behinderte Menschen können nicht flüchten. Entweder muss man etwas Geld haben oder gute Beziehungen. Das haben Arme nicht.

«Flucht ist Scheisse, aber letztlich ein Privileg»

«Flucht ist Scheisse, aber letztlich ein Privileg», sagt Ammar, Kusais Vater. Als er Syrien verliess, wusste er nicht, dass er seinen Vater zum letzten Mal sehen würde. Dieser wurde vor ein paar Jahren krank und ist gestorben. Ohne dass er seinen Sohn nochmals sehen durfte. Auch das ist Flucht. Sie reisst Familien auseinander.

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«Zuerst ist man einfach nur dankbar dafür, in Sicherheit zu sein», sagt Raoaa. Aber dann fange es an. Man müsse Hilfe annehmen, werde zur grossen anonymen Masse der Flüchtlinge. Als ob Flüchtlinge keine Individuen wären. Aber so sei es eben, stellt Raoaa pragmatisch fest. Nie ist Bitterkeit in ihrer Stimme. Obwohl sie doch allen Grund dazu hätte. Es war ein langer Weg, die Sprache zu lernen, die Kultur zu verstehen, Hilfe anzunehmen und nicht zeigen zu können, was man beruflich zu bieten hat.

«Wir hatten ein schönes Haus, ich hatte viele Freundinnen, kurz – ein sehr gutes Leben»

Was einen ausmacht, ist der Stempel «Flüchtling». «Also ob das eine Kategorie wäre, die etwas aussagt über uns, über mich. Es sind Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Unsere ist die, dass mein Mann Vorgesetzter von über 300 Angestellten war in einer Konstruktionsfirma. Ich war Lehrerin, wir hatten ein schönes Haus, ich hatte viele Freundinnen, kurz – ein sehr gutes Leben. Und plötzlich hatten wir nur noch die Kleider, die wir trugen, und uns. Das ist zwar viel, wenn man ständig Angst hat, zu sterben.»

Aber irgendwann werden die Grenzen sichtbar. Ohne Sprache keine Arbeit. Ohne Papiere keine Ausbildung, keine Weiterbildung. Keine Wohnung. Ohne Arbeit kein Geld. «Zweieinhalb Jahre haben wir als Familie in einem Zimmer gelebt. Kein Geld, um etwas zu unternehmen oder das neue Land kennenzulernen.» Keine Arbeit, um Freundschaften schliessen zu können und von der Sozialhilfe unabhängig zu sein. Dazu kommt, dass von den Geflüchteten erwartet wird, dass sie Geld nach Hause schicken für diejenigen, die geblieben sind und Hunger haben.

«In der Heimat geht der Krieg weiter und wir sitzen einfach da und warten»

«Und immer das Gefühl, zu stören, vor allem ich, mit dem Kopftuch. Ich bin nicht religiös, aber ich habe mein ganzes Leben ein Kopftuch getragen. Das ist auch eine Form von Sicherheit gewesen in den ersten Jahren. Ausserdem ist da auch noch der Druck der Familie.» Den ganzen Tag nur herumsitzen. Das hat sie zermürbt, nichts tun zu können. «In der Heimat geht der Krieg weiter, Verwandte, Freund:innen, Kinder sterben und wir sitzen einfach da und warten. Schauen wie gelähmt auf unsere Handys mit Nachrichten über das Kriegsgeschehen in der Heimat. Unsere Kinder bitten uns, das zu unterlassen, weil sie merken, dass es uns nicht guttut. Aber wir können nicht anders, weil wir so wenigstens ein bisschen das Gefühl von Verbundenheit mit der Heimat haben.»

«Und jetzt sehe ich die Bilder, wie die Schweiz die Menschen aus der Ukraine willkommen heisst. Wie sie problemlos den Status S bekommen, die Kinder sofort zur Schule dürfen, die Mütter arbeiten können, falls sie etwas finden. Gastfamilien bieten sich an, öffnen ihre Türen, nehmen Mütter und Kinder auf. Davon konnten wir nur träumen. Das hätten wir uns natürlich auch gewünscht. Aber Menschen machen Unterschiede.»

«Wir sind stolz, dass wir ein neues Leben geschafft haben»

Es bleibt ein schales Gefühl. Kriegsvertriebene gegeneinander auszuspielen, davon ist die syrische Familie in Köniz weit entfernt. «Wir sind stolz, dass wir ein neues Leben geschafft haben. Auch unter den erschwerten Bedingungen. Und immer haben wir Menschen getroffen, die sich für uns als Personen interessiert haben, das war enorm wichtig und dafür sind wir dankbar. «Ich bin froh für diese armen Menschen, die ihre Heimat und damit alles, was sie ausmacht, verlassen mussten. Wenn sie hier aufgenommen werden als Menschen und nicht einfach als Flüchtlinge, haben sie eine bessere Ausgangslage als wir. Das ist schon ok. Die nächsten Monate und Jahre werden schwer genug werden für sie. So oder so.»

Der Film «Familie Nasser kommt an» von Andrea Pfalzgraf ist am Donnerstag, 31. März um 20.05 Uhr bei SRF zu sehen.

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