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Power Codes

Leben

Power Codes

  • Text: Stefanie RiguttoFoto: Jan von Holleben

Power Codes sind für den Aufstieg in die Chefetage so wichtig wie Sachkenntnis und Leistung. Fragen Sie nur die Männer. Die kennen die verdeckten Spielregeln der Macht genau – sie haben sie schliesslich erfunden. Müssen Frauen mitspielen?

Power Codes sind für den Aufstieg in die Chefetage so wichtig wie Sachkenntnis und Leistung. Fragen Sie nur die Männer. Die kennen die verdeckten Spielregeln der Macht genau – sie haben sie schliesslich erfunden. Müssen Frauen mitspielen?

Wenn Frauen innerhalb eines Unternehmens auf der Karriereleiter plötzlich anstehen, regelrecht festkleben und trotz guter Leistung und Ambitionen nicht über das mittlere Management hinauskommen, dann spricht man von der «gläsernen Decke». Doch der Begriff trifft es nicht richtig – «betonharte Mauer» passt da schon eher. Zum einen, weil die Trennwand den Frauen in keiner Weise transparent erscheint, sondern nach wie vor ein Mysterium ist. Zum anderen, weil man sie nicht einfach mit einem Hammer in tausend Stücke zerschlagen kann, sondern regelrecht durchdringen muss, langsam und zäh, wie ein Löwenzahn.

Wer diese betonharte Mauer überwinden will, muss die Spielregeln der Macht kennen, die sogenannten Power Codes, nach denen unser Berufsleben funktioniert. Zu diesen Insignien zählt etwa die Büroeinrichtung, das Auto, die Kleidung und die Frisur, ja sowieso alles Äussere, aber auch das Verhalten im Arbeitsalltag – der Tonfall, das Auftreten oder Eigenschaften wie Wortgewandtheit, Konfliktfreude, Durchsetzungsvermögen. Unternehmensberater Peter Modler erklärt: «Die meisten Power Codes laufen auf der nonverbalen Ebene ab, nicht auf der sachlichen, intellektuellen Ebene.» Es gelte: Nonverbale vor verbaler Kommunikation, Rangordnung vor Inhalten. Beispiel? Denken Sie an Ihre letzte Sitzung zurück! Bestimmt gab es da unterschwellige Machtrangeleien, das Ausloten von Hierarchien – der Arbeitskollege, der über die Idee seines Kontrahenten spottet, um nachher dieselbe Idee als seine eigene zu präsentieren. Oder der Chef, der, rational nicht nachvollziehbar, ein Konzept vernichtet.

«Viele Frauen haben ein grosses Harmoniebedürfnis und gehen solchen Konfliktsituationen aus dem Weg. Das ist ein Karriereblocker», sagt Anita Fetz, Basler Ständerätin und Organisationsberaterin. Zudem würden Frauen diese Rangspiele lächerlich finden, sie pfeifen darauf, tun sie als Zeitverschwendung ab. «Sie glauben fälschlicherweise, dass sich gute Leistung immer durchsetzt», sagt Anita Fetz. Doch Leistung allein reiche nicht, man müsse sie auch darstellen und kommunizieren. Peter Modler, Autor des Buchs «Das Arroganz-Prinzip», findet ebenfalls: «Wer in einer Welt nach oben will, in der derzeit noch die Männersprache den Ton angibt, muss fähig sein, diese Sprache zu sprechen – auch wenn man vielleicht die Frauensprache schöner findet.» Anders gesagt: Wenn frau nach einer Beförderung Anrecht auf einen neuen, schicken Audi A4 als Geschäftsauto hat, dann soll sie damit bei der nächsten Sitzung vorfahren und nicht in ihrem alten Golf, weil ihr der so ans Herz gewachsen ist.

«Frauen in der Chefetage», bestätigt Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek, «machen oft den Fehler, dass sie keine sichtbaren Zeichen ihrer Macht setzen.» Sie markieren ihr Revier nicht. Dabei missachten sie, dass unser Verhalten im Büro ein dauernder Werbespot in eigener Sache ist. Niemand kauft ein hässlich verpacktes Joghurt, das zuhinterst im Regal steht, auch wenn es noch so lecker und gesund ist. «Man muss die formellen wie auch die informellen Spielregeln der Macht kennen, um sich nicht aus einer Illusion heraus falsch zu verhalten», sagt Christine Bauer-Jelinek, Autorin des Buchs «Die geheimen Spielregeln der Macht».
Grundsätzlich (Achtung, Theorie!) könnten Frauen ihre Machtposition genauso einfordern wie Männer. In ihrer Veranlagung unterscheiden sie sich nicht, sie sind genauso rücksichtslos, machthungrig und arrogant. «Doch ihre Sozialisierung – eine Frau soll freundlich, nett, anständig, hilfsbereit und so weiter sein – bremst sie zu oft», sagt Peter Modler. Ein Auftreten, das für Männer normal ist, empfinden sie als rüde. Einen Seitenhieb eines Kollegen – für ihn nicht mehr als eine simple Reviermarkierung – nehmen sie persönlich. «Männer lernen schon als Kind, in Hierarchien zu denken und sich darin zu bewegen, vom Fussballverein bis zum Militärdienst», sagt Christine Bauer-Jelinek. Geschäftsfrauen rät sie dringend, diese Macht- und Hierarchiekompetenzen nachzulernen.

Doch wie sollen Frauen im Berufsalltag mit diesen Power Codes umgehen? If you can’t beat them, join them, heisst es. Sollen wir demnach mitspielen? Oder dagegenhalten und uns verweigern? Managementtrainer Jens Weidner rät zum Mitspielen, zumindest teilweise: «Man muss und sollte nicht zum Ellbogenkarrieristen werden. Doch man sollte die Schäfchen-Attitüde ablegen und üblen Kontrahenten mit Biss begegnen.» Wer zu hundert Prozent Gutmensch ist, der kommt zwar gut an, doch bestimmt nicht weiter in seiner Karriere. «Mit Leistung, Bescheidenheit und Sozialkompetenz allein schafft es keine Frau in die Chefetage.»

Auch Anita Fetz plädiert für: Join them! «In den oberen Etagen dominiert das männliche Rudelverhalten, das ist ein Fakt, und dementsprechend muss man sich verhalten.» Im Sport müsse man sich ja auch den Spielregeln anpassen. Sie empfiehlt Frauen, die Machtrangeleien als das anzuschauen, was sie sind: Spiele. «Man darf nicht auf jeden verbalen Angriff beleidigt reagieren. Dahinter steckt selten ein persönlicher Affront, es ist vielmehr eine Herausforderung zum Spiel.» Die Sitzung wird also zum Fussballmatch, und der Star ist derjenige, der am meisten verbale Goals schiesst.

Auf ein anderes Erfolgsrezept setzt Amina Gerber, die in Zürich als Laufbahnberaterin tätig ist: «Dem unsachlichen Widerstand der Männerwelt in der Chefetage sollte frau mit strahlender Freundlichkeit und charmanter Hartnäckigkeit begegnen.» Also: Kompetent und sachlogisch argumentieren und all die Widerstände mit einem heiteren Lächeln quittieren. Das öffne ungeahnte Türen. Die Männer mit denselben Waffen zu schlagen, davon rät sie ab. Dennoch führt sie an, dass informelle Regeln und Machtspiele zu den «normalen Nebenwirkungen» eines Jobs gehören – sie können noch viel unfairer sein als jene eines Hunderudels. «Jede Frau muss selbst entscheiden, auf welchen Härtegrad von Power Games sie sich einlassen will.»

Allerdings haben sie häufig gar keine Lust dazu. «Wenn Frauen merken, in welche Richtung sie ihr Verhalten ändern müssten, vergeht leider vielen die Ambition auf den Chefsessel», sagt Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek. Das will ich nicht, das bin ich nicht, sagen die Frauen dann und entscheiden sich dafür, auf der mittleren Managementebene zu bleiben. Anita Fetz findet diesen Entscheid legitim: «Wenn man nicht mitspielen will, ist das okay – aber dann darf man sich nicht als Opfer fühlen und die Schuld für den Karriereknick den bösen Männern geben!»

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