Schutt und Schönheit: So boomt die Beauty-Branche im Libanon
Je mehr Raketen einschlagen, desto mehr Frauen buchen eine Beauty-Behandlung: Ein Besuch in den Schönheitssalons Beiruts.
- Von: Karin A. Wenger
- Bild: Chiara Wettmann
Der Salon Noya in Beirut ist ein bisschen wie eine Höhle – wer eintritt, lässt die Aussenwelt zurück. Draussen fliegt eine Überwachungsdrohne am Himmel, deren Sirren die Menschen ständig daran erinnert, dass die nächste Rakete bald einschlagen könnte, überall.
Draussen ein Land im Krieg, der Libanon in der Dauerkrise, seit Jahren kurz vor dem Kollaps. Drinnen Böden, Decken, Wände in Beige, ovale Torbögen, wenig harte Kanten und Plüschsessel, in denen man so tief versinkt, dass die angespannten Muskeln sofort etwas weicher werden. Im Hintergrund sanfte Popmusik.
Wenn es draussen laut und gefährlich wird, wählen viele Libanesinnen die Nummer von Rayane Manoun. Sie ist Managerin des Nagelstudios Nail It, das sich im hinteren Bereich des Schönheitstempels Noya eingemietet hat.
Ausser Nail It befinden sich in den verschiedenen Räumen ein High-Class-Coiffeur-Salon, ein Make-up-Artist, Masseurinnen sowie Studios für Wimpern, Haarentfernung und Body Sculpting.
Nagelstudio-Managerin Rayane Manoun"Bei allem, was gerade geschieht, sehen wir zumindest gut aus"
Für die Kundinnen eine Mischung aus Alltag und Ablenkung. Manoun erinnert sich, wie einmal eine junge Frau angerufen hatte, nachdem ihr Vater im Krieg getötet worden war.
Rayane Manoun (30) blättert durch den Terminkalender, ihre Nägel makellos, Hard Gel, French, Ballerina Shape, vorne etwas schmaler, wie die Spitzenschuhe einer Tänzerin. Sie lächelt, weisse Zähne, Farbe Hollywood Smile. «Bei allem, was gerade geschieht, sehen wir zumindest gut aus.»
Schon zum zweiten Mal in drei Jahren brach in diesem Frühjahr Krieg aus. Die schiitische Hisbollah-Miliz, über die der schwache libanesische Staat kaum Kontrolle hat, und die Armee des Nachbarstaats Israel bekämpfen sich. Besonders heftig dort, wo ihre Gebiete aneinandergrenzen, im Süden Libanons.
Im multikonfessionellen Politsystem, an dem auch die Hisbollah als Partei teilhat, haben echte Reformen kaum eine Chance, und die Gräben zwischen den religiösen Gruppen vertiefen sich.
Wieder Krieg, wieder Angst, wieder Tote
Wieder Krieg mit über viertausend Toten. Wieder hunderttausende Menschen, die Matratzen auf ihre Autos geschnürt haben und in langen Kolonnen in die Hauptstadt flüchten. Wieder die Angst vor israelischen Luftangriffen, die auch Dutzende Häuser in Beirut zusammenkrachen lassen.
Der Salon Noya liegt im Tiefparterre eines Hochhauses, früher eine Lagerhalle, die der Besitzer umbauen liess, weil er investieren wollte in eines der Businesses, sagt er im Gespräch, die auch während Libanons Krisen funktionierten: Restaurants, Bars und jegliche Geschäfte für Frauen.
Der Standort im Quartier Verdun, ein Upper-Class-Viertel, schien ihm passend für einen Salon, in dem man mehrere Stunden verbringen kann, abgekapselt von der Welt.
Im Bereich des Nagelstudios riecht es dezent nach Minze, hellgrünes Badesalz, das eine Kundin ausgewählt hat für ihr Fussbad. Eine elektronische Nagelfräse surrt schrill. Rayane Manoun geht auf eine Kundin zu, umarmt sie. «Ich habe dich vermisst!»
Viele kommen regelmässig, können sich leisten, was für andere im Land Luxus wäre. Manoun kennt die Kundinnen und weiss, wer wessen Lieblingsfusspflegerin ist.
Luxus-Treatment
Die Kosmetikerinnen arbeiten sich Millimeter für Millimeter an den Nagelhäuten von Zehen ab. Entlang von zwei Wänden stehen auf beleuchteten Regalen hunderte Nagellacke aufgereiht, die hellrosa Fläschchen wechseln in so feinen Nuancen zu fliederfarben und lila, dass man die Unterschiede gerade noch sehen kann.
Eine Kundin, vierzig Jahre alt, hat sich für Dunkelrot entschieden. Sie sagt: «Libanesische Frauen müssen immer schön aussehen.» «Wir sind schön, Habibti», antwortet die Frau auf dem Sessel neben ihr, Zehennägel feuerrot, ihr Gesicht in diesem straff gezogenen, alterslosen Zustand von Botox. Sie sie 53.
Libanesinnen haben schon immer grossen Wert auf ihr Aussehen gelegt, schlank, gepflegt und elegant. Im Nahen Osten geniessen sie den Ruf, besonders schöne Frauen zu sein. Davon profitiert die Beauty-Industrie, die gemäss Schätzungen des Magazins «The Beiruter» jährlich hunderte Millionen Dollar erwirtschaftet.
Die Kliniken und Salons bringen auch Devisen ins Land, ihre Kundinnen aus der Diaspora fliegen oft von weither ein. In Beirut hängen Werbeplakate für Cellulite-Behandlungen, Shampoo mit Traubenextrakt für Extrafeuchtigkeit und kalorienfreie Getränke. Die First National Bank of Lebanon vermarktete bereits 2007 Kredite, die Schönheitsoperationen finanzierten.
Die Kundin mit dem alterslosen Gesicht fährt manchmal, wie viele libanesische Mütter, zusammen mit ihrer erwachsenen Tochter in den Salon.
Schönheitssalonbesuch als Teil der Körperhygiene
Frauen sollten zufrieden mit sich selbst sein, auf sich achten, Vorbilder sein, sagt sie. «Krieg oder nicht, in den Schönheitssalon zu kommen, ist einfach Teil der Körperhygiene.» Sie nimmt eine Fünf-Dollar-Note aus dem Handtäschchen, drückt sie der Fusspflegerin als Trinkgeld in die Hand, und schlappt in den Papier-Flipflops zur Kasse. «Würden wir nur zuhause bleiben, gäbe es keine Hochzeiten und kein Leben. Wir Libanesen sind ein Volk, das kämpft.»
Noya ist die schöne Seite Beiruts, diese Millionenstadt am Mittelmeer, die Sehnsucht von Reisenden weckt, seit das Land in den 60er-Jahren zum Paradies verklärt worden war.
Der Salon ist das Beirut der Konzerte und Kunstgalerien, vor denen Einparkierer Porsche Cayennes und Range Rovers hintereinanderreihen. Das Beirut der Beach-Clubs, in denen Frauen mit Silikonbrüsten und tief gebräunte Männer sich von Musik beschallen lassen.
Nagelstudio-Managerin Rayane Manoun"Manche hungern, um sich Filler leisten zu können"
«Botox, Filler, Schönheitsoperationen sind zu Statussymbolen geworden», sagt Rayane Manoun, die in Grossbritannien Hotelmanagement studierte. Einige Medien nannten Beirut gar die Botox-Hauptstadt im Nahen Osten.
Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig im Libanon, der Mindestlohn beträgt nur 310 Dollar pro Monat. «Manche hungern, um sich Filler leisten zu können», sagt Manoun.
Seit sie 26 ist, lässt sie sich zwei Mal pro Jahr Botox in die Stirn spritzen. «Ganz einfach», sagt sie, «fünf Punkte.» Sie zeigt auf ihrer Stirn links und rechts unter den Haaransatz, dann oberhalb ihrer Augenbrauen und an die Zornesfalte.
Botox und Filler wie ein Coiffeurbesuch
«Botox verleiht deinem Gesicht einen ganz besonderen Glanz», sagt sie, und es klingt nicht wie ein Werbespruch, sondern ehrlich überzeugt. Für Libanesinnen mit genug Geld sind Botox und Filler ähnlich alltäglich wie Gelnägel oder eine neue Frisur.
Etwa zweihundert Dollar kostet Botox bei seriösen Kliniken in Beirut. Rayane Manoun möchte auch ihre Lippen aufspritzen, nur ganz wenig, so, dass ihr Gesicht natürlich bleibe, aber ihr Verlobter möge das nicht. Das ist ihr aber lieber als das Verhalten ihres Ex-Freunds, der sie unter Druck gesetzt habe, immer perfekt auszusehen.
"Menschen, die über 37 Jahre alt sind, erleben schon den vierten Krieg"
Eigentlich gibt es kaum eine Krise, die den Libanon in den vergangenen Jahren nicht mit voller Wucht getroffen hat. Beim Bankencrash und Währungszerfall ab Herbst 2019 verloren die Menschen ihr Erspartes; Demonstrationen scheiterten gegen korrupte Politiker, die das Land als Selbstbedienungsladen behandeln.
Der Staat liefert einige Stunden Strom pro Tag und importiert zu wenig Medikamente. Als im Beiruter Hafen über 2000 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten, starben über 200 Menschen und ganze Quartiere wurden verwüstet. Menschen, die über 37 Jahre alt sind, erleben schon den vierten Krieg.
Wer genug Geld und wenig Mitgefühl hat, kann diese Krisen ignorieren. Mit Cocktails in den Beach Clubs, Spitzenärzten in Privatkliniken, mit Wochenendtrips nach Dubai.
Parallelrealitäten
Doch der Libanon ist ein winziges Land, so klein wie die Kantone Graubünden und Tessin zusammen. Die Parallelrealitäten treffen immer wieder aufeinander, auch zwischen Plüschsesseln und Ocean-Badesalz in den hunderten Schönheitssalons im ganzen Land.
In Ansar, einem Ort im Süden Libanons, aus dessen Umgebung viele während des Kriegs vertrieben wurden, liegt das Hauptstudio von Nail It. Die Gründerin entschied, das Geschäft dort vorübergehend zu schliessen. Viele ihrer Kundinnen, die geflüchtet sind, kommen nun ins Studio in Beirut.
Sie bietet Rabatte an, Maniküre kostet statt fünfzig noch dreissig Dollar, ein Refill und Nachfärben von Gelnägeln statt sechzig noch fünfundvierzig Dollar. Sie wolle, dass sich so viele Frauen wie möglich schöne Nägel leisten könnten. Und damit vielleicht auch ein bisschen Normalität.
Die depressivsten glücklichsten Menschen
Die Menschen im Libanon, heisst es, rappeln sich immer wieder auf, machen weiter, feiern selbst während Krisen Partys. Die vergangenen Jahre aber waren so hart, dass viele im Land sagen, sie seien sehr müde geworden. «Die Libanesen sind die depressivsten glücklichsten Menschen», sagt Managerin Manoun.
Die Familie von Rayane Manoun stammt ursprünglich aus Sour, der oft bombardierten Küstenstadt im Süden Libanons, nahe der israelischen Grenze.
Dort gehört der Familie ein Wochenendhaus, in dem Manoun und ihre Geschwister früher mit der Grossmutter Filme schauten und dazu Popcorn assen. Bis vor dem Krieg fuhr sie regelmässig hin. Nun wisse sie nicht, ob das Haus noch stehe.
Ihr Telefon klingelt. Eine Kundin fragt nach einem Termin, um ihre Gelnägel aufzufüllen.
Budget Treatment
Manche der Libanesinnen, die im Salon Noya in ihr Aussehen investieren, haben Frauen zuhause angestellt, die sich nicht an solchen schicken Orten treffen.
Stattdessen gehen sie zum Beispiel in einen Salon im Quartier Hamra in Westbeirut, das voller Cafés und Bars ist, Elektronikshops, Geldwechselstuben, Kleider- und Bücherläden. Autos hupen, in Hamra ist immer irgendwo Stau. An Verkehrskreuzungen betteln Kinder um Essen, wenn die Ampel auf Rot steht.
Die Augen von Nani, die ihren Nachnamen lieber nicht sagen möchte, sind noch etwas müde, ihr Gesicht in diesem Übergang zwischen Schlaf und Tag. Sie stellt sich zuerst als Nina vor, auf Englisch klinge Nani wie Nanny, Kindermädchen, sagt sie später.
Die 28-Jährige sitzt auf dem Sofa ihres Salons Abyssinia Beauty, Abyssinia ist der historische Name für das Gebiet des heutigen Äthiopien und Eritrea.
An den Wänden ihres kleinen Raums hängen Extensions in Plastikverpackungen, schwarze, braune, rötliche Haarverlängerungen, lockig, gewellt, gerade. Neben einem Sofa steht eine Shisha.
200'000 Gastarbeiter:innen
Nani ist eine äthiopische Gastarbeiterin, wie rund 200'000 andere im Libanon, die meisten aus Westafrika. Viele arbeiten als Hausangestellte in Familien, kümmern sich um die Kinder, gehen mit den Hunden spazieren, einkaufen, kochen, putzen.
Nani hat in ihrem Salon schon schlimme Geschichten gehört, von Arbeitsagenturen in den Heimatländern, die Gastarbeiterinnen abzocken, oder Arbeitgebern, die ihren Angestellten die Pässe wegnehmen.
Nani zieht an der Shisha, es blubbert. Sie mag den im Libanon beliebten Geschmack «Two Apples», ein bisschen süss, ein bisschen würzig. Ihre Lippen formen ein flaches O, dann verschwinden Nanis Locken kurz im weissen Dampf.
Am Vormittag wartet sie auf dem Sofa, ihre Salontüre einen Spalt geöffnet. Nebenan frittiert jemand in einer Imbissbude Falafel.
Nani sagt, sie selbst habe eine gute Agentur gehabt, als sie mit zwanzig aus Äthiopien rauswollte. Er könne ihr nur Libanon anbieten, sagte der Vermittler, wenn sie warte, wäre vielleicht Dubai möglich.
Doch Nani wollte weg. Schon als Mädchen hatte sie gelernt, in ihren eigenen Haaren Zöpfchen einzuflechten. Als Jüngste von acht Kindern begann sie später, im Coiffeursalon ihrer grossen Schwester auszuhelfen. Im Libanon arbeitete sie erst als Angestellte in einem Haarsalon, nach vier Jahren eröffnete sie Abyssinia Beauty.
Arbeiten und putzen für die Gelnägel der Mesdames
In einem Regal steht eine Kartonbox mit Nagellack, den sie nur selten braucht. Ihre Kundinnen arbeiten und putzen, damit die Gelnägel ihrer Mesdames halten. Nani ist ungeschminkt, ihre Nägel haben weder Gel noch Farbe. «Libanesinnen legen grossen Wert auf ihr Aussehen, sie klatschen sich so viel Make-up auf ihre Gesichter.» Nani lacht.
Besonders beliebt bei ihren Kundinnen, die meisten von ihnen aus Westafrika, sind Zöpfchen und Deep Curls, um die krausen Haare zu glätten und in Zapfenlocken umwandeln. Für Zöpfchen und Extensions verlangt sie fünfzig Dollar.
Manchmal klopfen tagsüber Kundinnen an die Tür, doch es sind weniger geworden, seit der Krieg begonnen hat. Manche Gastarbeiterinnen haben ihren Job verloren, manche verdienen weniger, manche haben den Libanon verlassen. «Und während des Kriegs haben wir weniger Zeit, uns über unser Aussehen Gedanken zu machen.»
Der Krieg sickert in den Salon
Anders als andere Geschäfte kann Nani den Krieg nicht aus ihrem Salon heraushalten. Auf ihrem Fernseher läuft der Sender al-Jazeera, ein Video zeigt, wie israelische Panzer im Süden Libanons von Drohnen der Hisbollah angegriffen werden.
Nani schaut hoch zum Bildschirm. «Bad vibes», sagt sie und schaltet den Fernseher wieder aus. Draussen sirrt die israelische Überwachungsdrohne am Himmel. «Wenn du den Ton am Morgen hörst, bleibt er den ganzen Tag in deinen Ohren.»
Gegen Abend streckt eine Freundin den Kopf durch die halb offene Türe. «Nani, bist du da?», fragt Eden. Sie trägt die hellblaue Uniform eines Putzinstituts. «Würde ich in ein Café gehen, müsste ich mich gut anziehen, hierher kann ich in diesen Kleidern kommen und relaxen.» Die Freundin legt Einkaufssäcke mit Gemüse neben das Sofa.
Samri sitzt mit Lockenwicklern unter der Haube. Sie ist 28, Angestellte in einem Hotel in Hamra. «Die Flugtickets sind teurer geworden», sagt Samri, sie reist bald nachhause nach Äthiopien für einen Monat.
Eden singt eine Zeile eines äthiopischen Songs mit, der ihr nicht aus dem Kopf geht. Nani scrollt auf dem Handy auf Instagram, sieht ein Video, wie Migrant:innen in Lagern in Libyen geschlagen werden. «Schaut», sagt sie, dreht ihren Bildschirm kurz zu den anderen, scrollt weiter.
«Bling!», ertönt es, die Haube ist fertig. Samri wechselt auf den Stuhl vor dem Spiegel, Nani dreht jeden Lockenwickler ganz sanft raus, schneidet unten an den Enden ein wenig Spliss weg, kämmt die einzelnen Locken mit einem breiten Kamm, fährt mit Gel-Händen den Haaren entlang, um die Zapfen etwas aufzulockern. Ihre Finger sind flink und dennoch vorsichtig, jede Locke scheint kostbar, fast zerbrechlich.
Sie glättet den Haaransatz mit einem Eisen, Samri mustert sich von links und rechts im Spiegel. Dann nimmt sie eine Klammer und steckt die Locken hinten am Kopf zusammen.
«So ist das praktisch für die Arbeit», sagt sie, und drückt Nani für die Deep Curls eine Zehn-Dollar-Note in die Hand. «Es ist auch gut, etwas für sich selbst zu tun, egal was draussen passiert», sagt Eden.
Nani hat genug vom Libanon, seit Jahren wird ihre Miete teurer, mittlerweile zahlt sie schon fünfhundert Dollar pro Monat. Der Dieselgenerator, der Strom liefert, kostet extra. «Ich will vielleicht nach Dubai, dort ist es besser. Wenn man Geld hat, erhält man die Papiere schnell.»
Sie schlüpft aus ihren Plüsch-Schlappen in schwarze Nike-Turnschuhe, sagt Eden und Samri vor dem Salon Tschüss. Dann verschliesst sie die Tür, zieht den Rollladen vor dem Salon runter. «Morgen komme ich wieder.»
Standard Treatment
Wenn man sucht, findet man auch das Wenige, was vom Mittelstand im Libanon übriggeblieben ist, nachdem ganze Bevölkerungsschichten nach der Finanzkrise 2019 in die Armut gefallen sind.
Der Salon Visage liegt im christlichen Quartier Ain El Remmaneh, das direkt an die südlichen Vororte von Beirut angrenzt. Dort leben viele Schiiten und das Netzwerk der Hisbollah ist stark.
Die meisten Luftangriffe auf Beirut treffen diese Vororte, bekannt als Dahiyeh, wo in den Trümmerhaufen manchmal die gelben Hisbollah-Flaggen stecken. «Pfiiii», höre er jeweils, sagt Anwar Mitri, und dann: «Boom!» Er lacht leise. «Wenn du den Einschlag hörst, hat es dich nicht getroffen.»
"Je mehr Raketen einschlagen, desto mehr Kundinnen, die sich ihre Nägel machen lassen"
Anwar Mitri (34), gut gelaunt, weisse Zähne, Bartschatten, buschige, an den Rändern fein geformte Augenbrauen. Er eröffnete 2024 den kleinen Salon. «Nach zwei Jahren Krieg sind wir immer noch da.»
Je mehr Raketen einschlagen, desto mehr Kundinnen habe er, die sich ihre Nägel machen lassen. Einmal habe eine Frau aus den südlichen Vororten darum gebeten, ihre Nägel möglichst rasch zu lackieren. Sie habe ihrem Mann gesagt, sie gehe nur Gurken kaufen, sie müssten schliesslich Geld sparen.
Kurz den Krieg vergessen
«Wir sind ein Safe Space», sagt Mitri, «die Kundinnen kommen zu uns, können den Krieg vergessen, weil für einen kurzen Moment ihr grösstes Problem der gebrochene Fingernagel ist.»
Besonders beliebt seien zurzeit Lila, Mintgrün und Blau. Bei den Make-ups eher dezente Farben, nicht zu dick aufgetragen, «Clean Girl Make-up» heisse der Trend. Mitri zeigt auf Tiktok einige Videos als Beispiel.
Clean Girl Make-up also, gegen eine Welt, in der nichts clean ist. «Wenn man sich innerlich zerbrochen fühlt, möchte man sich zumindest äusserlich besser fühlen», sagt Mitri.
Er ist Visagist, seine Cousine Clemence Youssef und eine Angestellte kümmern sich vor allem um Nägel und Wimpern. Nägel lackieren kostet zehn Dollar, Gel-Nägel 25 Dollar, Augenbrauen zupfen vier Dollar.
Neben einem Spiegel stehen selbst beschriftete Trinkgeld-Boxen. Es gibt unzählige solcher kleinen Salons in Beirut, ein paar Stühle, Kaffee in Plastikbechern und Kundinnen, die zur Grossfamilie werden.
Eine junge Frau tritt herein, ihre Fussnägel rot, selbst lackiert. «Ich kann dir gerade keinen Termin geben», sagt Clemence Youssef, «was hast du mit deinen Füssen gemacht?» – «Ich musste sie lackieren, ich fahre an den Strand.» Die Kundin greift in eine Plastiktüte und drückt Clemence Youssef einen Saj in die Hand, ein hauchdünn ausgerollter, gebackener Teig mit Füllung.
Kosmetikerin und Therapeutin zugleich
Die Kundinnen und Kosmetikerinnen in den kleinen Schönheitssalons wie Visage entwickeln oft eine vertraute Nähe. «Manchmal rauchen wir vor der Tür auch Shisha zusammen», sagt Youssef. Nägel machen, Kaffee trinken, tratschen. Die Zeit zerrinnen lassen.
Im Hintergrund flüstert eine Nagelpflegerin mit einer Kundin. Sie erzählt von Streitereien zuhause, die wegen des Stresses durch den Krieg schlimmer geworden sind, wie in vielen Familien im Land. «Meine Mutter hat Angst um mich und macht Drama, wenn ich rausgehe. Ich versuche, sie zu ignorieren, ich rede nur noch mit meinem Vater», erzählt sie leise.
Anwar Mitri und seine Angestellten hören von manchen Kundinnen alle Details aus deren Privatleben. Über die Trennungen von ihren Partnern oder Ehemännern, über die Streite mit ihren besten Freundinnen.
Sein Salon sei wie ein Ort für psychosoziale Unterstützung, an dem man wirklich alles erzählen könne, sagt Mitri. «Man hat hier jemanden, der einem zuhört, die Kosmetikerin ist ein bisschen wie eine Therapeutin. Und gleichzeitig wird man auch noch schöner.»
In manchen Salons, auch bei Visage, treffen Frauen mit unterschiedlichen Religionen aufeinander. Einige sprechen über Politik, einige nicht. Manchmal muss Mitri einschreiten, wenn die Diskussionen zu heftig werden. «Politik und Religion sind im Libanon heikle Themen», sagt er.
Kontrolle in Zeiten des Kontrollverlusts
Eine neue Kundin kommt durch die Tür, betrachtet sich im grossen Spiegel. «Ich überlege mir, ob ich noch mehr Filler brauche, oder vielleicht sollte ich meine Kinnlinie korrigieren?» Die Kundin, die sich ihre Nägel machen lässt, schaut zu ihr: «Wenn du noch mehr in die Lippe spritzt, wird sie deine Nase berühren.»
Mitri zückt einen Make-up-Pinsel, konturiert der Kundin das Gesicht und die Linie zwischen Kinn und Ohren. «Du brauchst keine Operation», sagt er. Sie schaut in den Spiegel: «Okay, so geht es auch.»
Die Schönheitsideale im Libanon übten grossen Druck aus, sagt Mitri. Und leider werde insbesondere von Frauen erwartet, dass sie gepflegt auftreten und möglichst nah an diese Ideale kämen. «Wir sind so eine oberflächliche Gesellschaft. Das ist gut für unseren Beauty-Salon.» Er lacht.
Das Leben der Libanesinnen muss irgendwie weitergehen, auch im Krieg. In den Schönheitssalons verbindet sich eine Art Alltag mit einer Gemeinschaft, es sind Orte, die in einer Welt voller Kontrollverlust zumindest Kontrolle über das Aussehen geben. Und auch etwas Würde.
Die älteste Kundin des Salon Visage heisst Um Theresa, sie ist 76 Jahre alt. Sie sei etwas früh, sagt sie, sie habe den Fahrstuhl benutzen wollen, bevor der Strom ausfalle.
Sie legt den Kopf unter eine Lampe und regt sich nicht, als Clemence ihre Oberlippenhaare erst mit einer Pinzette, dann mit Wachs ausreisst. Um Theresa hat jede Woche einen Termin. Sie will, dass ihre Enkelkinder sie küssen können, ohne dass es pikst.