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Wussten Sie, wie viele Mütter Übergriffe und Demütigungen erleben?

Leben

Wussten Sie, wie viele Mütter Übergriffe und Demütigungen erleben?

  • Text: Sarah Lau; Bild: Stocksy

Gewalt gegen Schwangere und Mütter hat viele Gesichter. Die 16 Aktionstage der Schweizer cfd informieren, schockieren – und zeigen Auswege auf.

Stellen Sie sich vor, Sie lägen im Kreissaal und wollen Ihr Kind zur Welt bringen. Sie wünschen sich eine natürliche Geburt und fragen die behandelnde Ärztin, ob es denn wirklich erforderlich sei, einen intravenösen Zugang zu legen. Nun könnte die Ärztin Ihnen erklären, dass sie den Zugang routinemässig legen möchte, damit im Notfall umgehend lebensrettende Medikamente gespritzt werden können, und Ihre Zustimmung einholen.

Wenn Sie Pech haben, gehören Sie allerdings zu den elf Prozent der Schweizer Frauen, die über die erfolgenden Interventionen nicht informiert werden und im schlimmsten Falle auch noch mit einem rüden: «Wir sind hier nicht in Afrika. Wenn Sie sterben wollen, gehen Sie nach Afrika!», abgefertigt werden.

Demütigung einer Gebärenden

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Die erwähnte Demütigung einer Gebärenden, von der die Hebamme Carole Lüscher-Gysi auf der Medienkonferenz «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*» berichtet, ist nur eines davon. In Bern hat die feministische Friedensorganisation cfd zu ihren alljährlichen Aktionstagen «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*» eingeladen und allein das, was Referentin Lüscher von groben vaginalen Untersuchungen, vorzeitigem Öffnen von Fruchtblasen, Drohungen und abwertenden Bemerkungen gegenüber werdenden Müttern erzählt, lässt schwer schlucken.

Gerade in dieser verletzlichen Phase des Lebens, wo Frauen besonders schutzbedürftig sind, kommt es auch in der Schweiz immer wieder zu psychischen wie physischen Angriffen. Ausgerechnet von den Menschen, auf die werdende Mütter besonders angewiesen sind: Hebammen, Ärztinnen, Partner. Und das traumatisiert Betroffene, aber auch anwesende Zeugen solcher Szenen nachhaltig. Ein Tabuthema, das selbst von Medizinern und Hebammen oft nur mit einem erschüttert-ungläubigen Kopfschütteln abgetan wird.

Kaiserschnitt gegen den eigenen Willen

Seit 2008 lanciert die gemeinnützige Organisation cfd jedes Jahr eine Kampagne rund um Gewalt gegen Frauen: Gewalt an älteren Frauen, häusliche Gewalt, Gewalt in Jugendbeziehungen. Dieses Jahr nun steht die Gewalt gegen Mütter im Fokus. Es gehe nicht nur um Notfälle und Extremsituationen, sondern vielmehr um die alltägliche häusliche und strukturelle Gewalt, die Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Muttersein erleben, heisst es auf der Konferenz.

Dazu muss man erst mal definieren, was eigentlich unter diesen Über- und Angriffen zu verstehen ist. «Es ist ja ein Stück weit tabuisiert, über Gewalt zu reden», sagt Anna-Béatrice Schmaltz, die die Kampagne leitet. Egal ob es sich um den Kaiserschnitt handelt, der gegen den Willen der Frau erfolgt, den Tritt in den Bauch vom werdenden Vater oder die vernichtenden Kommentare der Hebamme, wenn Frau überlegt, ihr Baby nicht stillen zu wollen.

Stereotypen engen ein

«Das Thema ist vielschichtig», so Schmaltz. Neben konkreten Angriffen gelte es, die strukturelle Gewalt zu erkennen, der Frauen ausgesetzt sind. «Die Gesellschaft hat eine grosse Meinung, wie man sich als Mutter zu verhalten hat, und engt Frauen mit ihren Stereotypen viel extremer ein als Männer.»

Hinzu kämen höchst widersprüchliche und verunsichernde Erwartungshaltungen, mit der sich die Frauen konfrontiert sehen. Mal abgesehen davon, dass sie sich auf das Kind zu freuen und nach der Geburt nichts als Glück empfinden zu haben, sollen sie so schnell es geht wieder arbeiten, allerdings ohne das Baby zu viel fremdbetreuen zu lassen und sich damit als karrieresüchtige Rabenmutter zu erweisen.

«familienpolitisches Entwicklungsland»

«Die Vereinbarkeit von Beruf und Kind bleibt oft Aufgabe der Mütter», bringt es auch die anwesende Nationalrätin Irène Kälin auf den Punkt und kommt nicht umhin, die Schweiz als «familienpolitisches Entwicklungsland» zu bezeichnen. Denn nach wie vor folgt für die Mehrheit der Mütter nach der Geburt des Kindes die finanzielle Abhängigkeit vom besserverdienenden Partner. Der Einkommensunterschied zwischen Frau und Mann, der durch ein Kind entsteht, ist belegt und trägt inzwischen den vielsagenden Namen Mutterschaftsstrafe.

Die Vorantreibung der Gleichstellung sei entsprechend «die wichtigste Prävention vor Gewalt gegen Frauen», ist Schmaltz sicher. Zudem wolle sie mit der Kampagne aufklären und Betroffenen ein Forum geben. «Die Frauen sollen über ihre Erlebnisse sprechen können und hören, dass jemand anerkennt, dass Ihnen Unrecht widerfahren ist.» Denn oft werden Erlebnisberichte von der Umwelt abgetan. Ist doch nicht so schlimm. Sei nicht so empfindlich. «Es wird individualisiert: Weil du so und so bist, hast du Gewalt erlebt, heisst es dann», so Schmaltz. Und schon landet die Verantwortung für das Geschehene beim Opfer, der Vorfall bleibt im Privaten.

«Zwang unter der Geburt»

Einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Aufklärung steuert das noch laufende Forschungsprojekt «Zwang unter der Geburt» der Berner Fachhochschule bei. Nach schweizweiten Befragungen von über 6000 Frauen, die 2018 oder 2019 ein Kind zur Welt gebracht haben, stehe fest: Jede vierte Frau habe in der Schweiz bei der Geburt informellen Zwang erlebt.

Bis zum 10. Dezember finden nun in Zusammenarbeit mit hundert Menschrechts- und Frauenorganisationen verschiedenste Veranstaltungen statt, die weiter auf das Thema aufmerksam machen. Kunstausstellungen, Stadtführungen, orange beleuchtete öffentliche Gebäude und viele Podiumsdiskussionen und Workshops rund um Reformvorschläge zum Sexualstrafrecht, die man online besuchen kann.

Eine 1:1-Betreuung während der Geburt

Besonders eindringlich war die gestrige «Roses Revolution». Am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen also, legten Betroffene, die während Schwangerschaft, Geburt oder im Wochenbett Gewalt erlebten, an den Orten des Geschehens einen Brief und eine Rose nieder. Als Zeichen für den Wunsch nach einer würdevollen Geburtsbegleitung.

Genau darauf hofft auch Carole Lüscher-Gysi. Eine 1:1-Betreuung während der Geburt sicherzustellen, würde bei der Bekämpfung von Gewalt gegen die Frauen extrem helfen, ist sich die Leiterin der Hebammenpraxis 9punkt9 sicher. Dann wäre endlich Schluss mit Hebammen, die drei bis vier Geburten parallel zu betreuen haben und strukturell bedingt ihre Gebärenden über Stunden allein lassen müssen.

Frauen mit Respekt begegnen

Ähnlich verhält es sich mit Fachkräften, die aufgrund der permanenten Unterbesetzung nicht genügend Zeit für eine angemessene Auseinandersetzung mit den Patientinnen haben. Es muss ein Ende haben, dass werdende Mütter unter Druck gesetzt werden, Behandlungen zuzustimmen, nur weil sich so Personal, Räumlichkeiten und Geld einsparen lassen. Nicht zuletzt, weil es unsere Gesellschaft auch moralisch teuer zu stehen kommt, wenn wir dies nicht tun.

Frauen mit einem Kind im Bauch zu Heiligen hochzustilisieren, verlangt niemand. Frauen mit Respekt zu begegnen und sie ernst zu nehmen, indes schon. Übrigens auch, wenn sie sich entscheiden, kein Kind in die Welt zu setzen.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Hin- statt wegzuschauen hilft. Schmaltz jedenfalls konstatiert in der Schweiz eine zunehmende Sensibilisierung: «Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber wir sind dran.»

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