Meinung

Schluss mit den schlechten Erotikszenen in Film und Fernsehen!

Text: Claudia Senn; Bild: Getty Images

Redaktorin Claudia Senn hat es satt, beim Serien- und Filmeschauen ständig perfekt ausgeleuchtete Hinterteile und wippende Brüste betrachten zu müssen. Die BBC-Serie «Normal People» macht glücklicherweise einiges anderes. 

 

Sollten erotische Szenen in Film und Fernsehen nicht eine anregende Wirkung entfalten? Mich regen sie eher auf. Denn es kommt mir vor, als laufe der Sex in neun von zehn Fällen nach dem immer gleichen Drehbuch ab: Die Protagonisten tauschen ein, zwei glutvolle Blicke. Ihre Münder saugen sich magnetisch aneinander fest. Wie auf Knopfdruck fangen beide an zu schnaufen wie eine Dampflok kurz vor der Abfahrt aus dem Bahnhof.

Dann reisst er ihr (niemals sie ihm!) die Klamotten so schwungvoll vom Leib, dass sie hinterher reif sind für den Altkleider-Container, und wirft sie (niemals sie ihn!) wahlweise auf den Küchentisch oder das Bett. Es folgt die simulierte Penetration, begleitet von Stöhn-Arien (sie) und gelegentlichem Grunzen (er), bis wenige Sekunden später beide den Höhepunkt erreichen – wundersamerweise stets gleichzeitig.

Als hätten sie noch einen Termin beim Steuerberater

Danach schlüpfen die Protagonisten so hastig in ihre Kleider, als hätten sie noch einen dringenden Termin beim Steuerberater, natürlich ohne zuvor nach einem Kleenex zu greifen, um allfällige Körperflüssigkeiten abzuwischen, die man doch eigentlich lieber nicht auf seiner Seidenbluse haben möchte.

Denn solche profanen Handlungen sind genauso tabu wie Kondome, Cellulite oder Cunnilingus. Gähn! Da schaue ich doch lieber einen Dokumentarfilm über das Sexualleben der Nacktmulle. Die sind vielleicht nicht die elegantesten Tiere auf diesem Planeten, können einen aber immerhin überraschen.

Niemals wollte ich wegzappen

Doch halt, kürzlich schöpfte ich Hoffnung, dass es auch anders geht. Ich sah mir nämlich die von der BBC produzierte Serie «Normal People» an, die auf dem gleichnamigen Roman von Sally Rooney beruht. Es geht darin um die On-and-Off-Beziehung eines jungen Paares, das über Jahre begleitet wird, mit all seinen Erfolgen und Misserfolgen, seinen Hemmungen, Träumen, Zweifeln, Ängsten und Unsicherheiten. Die Serie hat zwölf Folgen, und in jeder einzelnen haben die Hauptfiguren Marianne und Conell Sex.

Insgesamt kommen da gut und gern drei Dutzend Akte zusammen, trotzdem ertappte ich mich niemals dabei, wegzappen zu wollen. Warum? Weil die Macher von «Normal People» erkannt haben, dass es gar nicht so wichtig ist, was genau Marianne und Conell beim Sex miteinander tun. Viel wichtiger ist, was dabei in ihnen vorgeht.

Der Rausch, der beinahe an Selbstauflösung grenzt

Aufregend sind nicht so sehr Technik und Stellungen, sondern die Lust, der Rausch, der manchmal beinahe an Selbstauflösung grenzt, die Möglichkeit, mit dem anderen auf eine Art zu verschmelzen, die nur beim Sex möglich ist, die Unsicherheit auch, weil man so vieles falsch machen könnte und es dann doch wagt, Neues auszuprobieren. Der Bammel, sich vor dem anderen nackt und ungeschützt zu präsentieren, und die Freiheit, die es bedeutet, diese Hemmungen abzulegen, beim zweiten, dritten oder zehnten Mal.

Das ist es, was ich auf der Leinwand sehen will, nicht perfekt ausgeleuchtete Hinterteile und wippende Brüste in der Halbtotale. Natürlich, dafür müssten sich Regisseurinnen und Regisseure eine neue Bildsprache einfallen lassen, statt einfach die Ästhetik der handelsüblichen Softpornos zu kopieren. Aber kann das denn wirklich so schwer sein?

«Normal People» läuft bei Starzplay über UPC.

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