Migration

Ein Brief an meine Eltern

Text: Arzije Asani; Bilder: ZVG

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Das bin ich im Kindergarten.

Mein Vater bei seiner Arbeit als Gastarbeiter auf dem Bauernhof in Gatziberg.

Im Heimatdorf meines Vaters: Mein Vater, mein Onkel, Cousins und Brüder am Fussballspielen.

Meine Eltern in Pristina.

Meine Tante Gylzade und mein Onkel Ramush im Heimatdorf meines Vaters.

Die Beschneidungsfeier meines Cousins Shejzi. Er trägt eine weisse Kopfbedeckung. Rechts von ihm: Meine Grossmutter und dann meine Cousine Qendresa.

1985, Südserbien: Meine Grossmutter Arzije und mein Vater.

1991: Meine Mutter mit meiner grossen Schwester in der Nähe des Bauernhofs in Gatziberg, wo mein Vater arbeitete.

Sie wuchs in der Schweiz auf, doch immer wohnte auch eine zweite Heimat in ihr: Der Kosovo. Arzije Asani erzählt in einem Brief an ihre Eltern über das Heranwachsen zwischen zwei Welten. Von rosafarbenen Glitzerkleidern, Sprachlosigkeit und Scham. Und vom Ankommen.

«Liebe Nani, lieber Babi,

ich habe die Brote geliebt, die ihr mir immer mit viel Fleisch belegt habt. Damals war ich noch keine Veganerin und wusste nicht, dass es die Erderwärmung gibt. In der Znünipause, wenn alle Schweizerinnen ihre kleinen, mit Frischhaltefolie verpackten Brötchen auf den Tisch legten, fiel ich auf mit meiner glänzenden Alufolie und den Brotscheiben, die so dick waren, dass ich Mühe hatte, davon abzubeissen. Wisst ihr noch, wie ihr meine älteste Schwester am ersten Kindergartentag mit einem Plastiksack als Schultasche losgeschickt habt? Sie kam schluchzend nachhause, weil die anderen Kinder sie ausgelacht hatten. Bei mir wusstet ihr es besser, und ich bekam einen kleinen Schulthek.

Gerüstet mit diesem stabilen Rucksack und gutem Deutsch, das ich bereits mit meinen älteren Geschwistern geübt hatte, war ich bereit für meinen ersten Tag. Aber du, Babi, konntest es nicht lassen. Ein rosafarbenes Kleid aus dem Balkan hattest du mir mitgebracht, mit Puffärmeln und Glitzersteinen darauf. Du wolltest, dass es ein spezieller Tag wird und ich mich schön fühle. Ich habe geweint, ich wollte einfach nur so aussehen wie die anderen. Ich denke heute noch daran und bin böse auf mich, dass ich nicht verstanden habe, dass du es gut gemeint hast und dachtest, dass ich mich freuen würde.

Ich sprach früh fliessend Schweizerdeutsch, dennoch habe ich meine Schweizer Freundinnen oft missverstanden. Eines Nachmittags war ich bei einer Freundin zuhause. Ihre Mutter fragte, ob ich Guetsli möchte. Ich verneinte schüchtern. Ihr hattet uns beigebracht, höflich abzulehnen, wenn jemand etwas zu trinken oder essen anbot. Die Person würde dann nochmals fragen, meintet ihr, und erst nach dem dritten Fragen dürfe man das Angebot annehmen. Es kam aber keine Frage mehr, und mein Magen knurrte. Bei der ersten Einladung zu einem Grillfest stand ich mit einer Box Pralinés und rotem Kopf da. Meine Freundinnen waren verwirrt, warum ich Schokolade, aber keine Wurst dabeihatte. Ich war es gewohnt, dass der Gastgeber alles auftischt, und der Gast bringt als Dankeschön eine Süssigkeit mit.

Es gab auch Tage, da war ich dankbar, anders zu sein. Wenn Elterngespräche anstanden etwa, war ich froh, wenn ihr nur die Hälfte von dem verstanden habt, was der Lehrer sagte. Mit einem Bachelor habe ich am Ende ja doch abgeschlossen, obwohl niemand von den Lehrpersonen an mich glaubte. Und wenn Bajram vor der Tür stand, das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan, zu dem wir muslimischen Kinder frei bekamen. Am Vorabend legtest du, Nani, meine neu gekaufte Kleidung frisch gebügelt neben mein Bett. Am frühen Morgen stand ich auf und es lag Magie in der Luft. Ich schlüpfte in die Kleider, die ich selbst ausgewählt hatte.

Der Fernseher wurde eingestellt und wir schauten zu, wie sich im Kosovo die Leute versammelt hatten, um zu beten. Dann läutete es mehrmals an der Tür und du, Babi, kamst zurück von der Moschee mit meinen Brüdern. An diesem Tag gab es keine Streitereien. Keine bösen Worte. Nur gutes Essen, ein bisschen Sackgeld und viel Besuch. Nach dem Essen riefen unsere Verwandten an, um uns zum Fest zu gratulieren. Das Telefon wurde weiter gereicht, und ich und meine Geschwister drückten uns davor, den Hörer in die Hand zu nehmen. Wir kannten unsere Verwandten nicht wirklich und fühlten uns unwohl, mit ihnen einfach so am Telefon zu plaudern.

Wenn die Sommerferien anstanden, freuten wir uns aber, in den Kosovo zu fahren. Die elend lange Autofahrt gefiel mir eigentlich am besten. Im Gepäck: belegte Brote und Pfirsich-Eistee aus der Migros. Wir drückten uns zu siebt in unseren Kombi, und ich nutzte die lange Fahrt, um andere Ferienreisenden aus dem Fenster zu beobachten oder zu lesen. Wir konnten uns keine Nacht im Hotel leisten. Also schliefen wir, wenn es eindunkelte, meistens an einer Raststätte in Ungarn.

Du, Nani, warst stark geprägt vom Jugoslawienkrieg und wolltest dich auf keinen Fall in der Nacht in Serbien befinden. Und schon gar nicht, wenn wir, deine Kinder, dabei waren. Wir schliefen im Auto. Die Scheiben schlugen an und es wurde unerträglich heiss. Du, Babi, hast laut geschnarcht und ich hatte meistens das Unglück, auf dem Sitz hinter dem Fahrer zu sitzen, der so unbequem war, dass ich kein Auge zu bekam. Bei Sonnenaufgang fuhren wir weiter, und ich konnte nicht anders, als aus dem Fenster zu starren und diesen schönen Moment einzusaugen.

Wenn die Strassen uneben wurden, wusste ich, wir würden bald da sein. Wir wurden alle ganz hibbelig und auf euren Gesichtern sah ich Erleichterung. Ihr hattet es geschafft, 24 Stunden mit fünf lauten Kindern auf dem Rücksitz durchzuhalten. Kurz bevor wir dann ins Dorf hinein fuhren, wurde die Haarbürste ausgepackt, und wir mussten uns blitzschnell die Haare kämmen, damit wir bei der Ankunft so anständig wie möglich aussahen. Deine Mutter, Babi, stand beim Tor, wenn wir ankamen – und als wir wieder abreisten. Ihre nassen Augen und wie sie mit ihrem Gehstock zum Abschied an unser Autofenster klopfte, sehe ich noch genau vor mir. Du, Babi, drehtest die Musik laut auf, damit wir dich nicht weinen hörten. Doch im Rückspiegel sah ich deine roten Augen. Wir hupten drei Mal laut, bevor wir im Morgengrauen um die Ecke verschwanden.

Ich wurde älter und distanzierte mich immer mehr von eurer Kultur und euren Traditionen. Ich wollte das machen, was die anderen Jugendlichen in dieser Zeit auch taten. Ich wollte abends ausgehen und sorglos feiern. Wenn ich von männlichen Freunden und Parties erzählte, wurdet ihr ganz blass. Dabei wurde ich als albanische Frau von Männern meistens gemieden. Wenn ich in St. Gallen in Nachtclubs tanzen ging, war die erste Frage, nachdem ich meinen Namen genannt hatte, stets: «Hast du ältere Brüder?» Irgendwann hörte ich auf, von meinen Wurzeln zu erzählen. Ich wollte nicht in dieses Stereotyp gezwängt werden. Ich hatte keine Kraft mehr, mich zu erklären, und keine Lust, mich zu behaupten. Ich schämte mich für meine Herkunft. Wie sollte ich mich in einem Land zuhause fühlen, wenn ich stets daran erinnert wurde, dass ich anders bin?

Im Dorf waren wir bekannt als die Kinder des Lehrers. Da du, Babi, in der Albanisch-Schule unterrichtet hast und dir grosse Mühe gabst, den Ruf unserer Heimat zu verbessern, fielen wir auf. In der Schule sagten mir andere Ausländerinnen, ich sei keine richtige Albanerin. Ich würde zu gut Deutsch sprechen und mich auch sonst nicht albanisch verhalten. Und die grössten Konflikte warteten zuhause auf mich. Euer Misstrauen gegenüber diesem immer noch fremden Land war zu stark, um meine Wünsche zu verstehen. Mein albanischer Wortschatz war trotz der Albanisch-Schule schnell begrenzt. Wenn ich euch meine Gedanken mitteilen wollte, stockte ich, bis ich es sein liess.

Ich wollte euch so viel sagen, doch ich hatte zu wenige Worte dafür. Deutsch war meine Muttersprache geworden, obwohl du, Nani, doch Albanisch sprichst. Ich weiss, Babi, dass du jetzt traurig wirst. Du hast alles gegeben, dass wir eure Sprache nicht vergessen. Mit zwanzig Jahren zog ich nach Zürich, vom Dorf in die Grossstadt. Zum ersten Mal fühlte ich mich in der Schweiz wirklich zuhause. Keine dummen Sprüche mehr. Niemand fragte mich nach meinen Brüdern oder warum mein Name so komisch tönt. Ich sprach nur noch mit euch Albanisch. Meine Wurzeln verkümmerten immer mehr.

Mit 21 Jahren war auf meinem Pass neben meinem Kopf eine Schweizer Flagge zu sehen. Jetzt war es offiziell. Ich war nun auch auf dem Papier Schweizerin. Das gab keine Klarheit, ich fühlte mich eher unwohl. Meine Identität war gespalten. Ich hatte mich so stark eingefügt, so stark integriert. Was sollte ich nun antworten, wenn mich jemand nach meiner Nationalität fragte? Meine Schweizer Freunde sahen mich immer noch als Ausländerin und im Kosovo werde ich für immer Schweizerin sein.

Bis ich mich einfach entschied, diesen inneren Kampf zu beenden. Deutsch ist die Sprache, mit der ich kommuniziere. Albanisch ist die Sprache, mit der ich fühle. Babi, wenn ich den albanischen TV-Sender bei euch zuhause im Hintergrund höre, geht mein Herz auf. Und wenn ich zu lang nicht im Kosovo war, fehlt ein Stück von mir selbst. Doch zu lang kann ich auch nicht weg sein von der Schweiz. Ich würde die frische Luft und meine Freiheiten hier zu sehr vermissen. Zugegeben, mir würden auch die Pünktlichkeit und die Ordnung fehlen.

Eine Mischung aus beidem, das bin ich. Ich schreibe euch diesen Brief, um euch den Teil meiner Geschichte zu zeigen, für den wir früher keine Zeit hatten. Ihr sollt wissen, dass ich mich mit eurer Heimat verbunden fühle, auch wenn ich nicht mehr jeden Sommer da verbringe. Ich werde die albanische Sprache weiter pflegen, auch wenn ich den ganzen Tag Schweizerdeutsch spreche.

Liebe Nani, lieber Babi, auch wenn ich als Migrantenkind viele Hürden überwinden musste, bin ich euch dankbar, habt ihr mir zwei Zuhause geschenkt. Ich bin euch dankbar über all die Differenzen in mir hinweg, die mir heute meinen eigenen Blick auf die Welt geben.» 

Arzije Asanis Vater ist Ende der Achtzigerjahre als Gastarbeiter vom Kosovo in die Schweiz gekommen, ihre Mutter folgte Anfang der Neunzigerjahre mit der ältesten Tochter. Arzije Asani ist 1994 im St.Galler Rheintal geboren und aufgewachsen, sie hat vier Geschwister. Seit 2015 wohnt sie in Zürich. Sie arbeitet als audiovisuelle Geschichtenerzählerin und ist Redaktorin beim SRF.

Eine erste, kürzere Version dieses Textes erschien auf «Babanews», einem jungen Onlinemagazin für Schweizerinnen und Schweizer mit Wurzeln von überall.

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