Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, das Büro mit der Ehefrau und zwei Ex-Freundinnen zu teilen?

Aufgezeichnet von Stefanie Rigutto, Bild: SXC

Simon Schnellmann* erzählt, wie es ist, jeden Tag im Büro seiner Ehefrau und zwei Ex-Freundinnen zu begegnen.

Zuerst war Tanja. Dann kam Selina. Und jetzt Jenny, meine Frau. Dazwischen gab es zwei Studienreisen nach Kambodscha. Dazu später mehr. Jetzt ist die Situation so: Meine Frau, zwei Ex-Freundinnen und vier meiner besten Freunde arbeiten alle in meinem Reisebüro. Toll, nicht? Ich bin der familiäre Typ. Ich mag es, wenn ich meine Liebsten um mich herum habe. Zudem war ich noch nie einer, der Arbeits- und Privatleben trennen konnte.

Eben, zu den Studienreisen. Die sind typisch für unsere Branche: Da wird man an eine bestimmte Destination eingeladen, um sich die Hotels und das Land anzuschauen, damit man die Kunden später besser beraten kann. Nachdem mit Tanja – wir waren sieben Jahre ein Paar – Schluss war, ging ich auf eine solche Studienreise nach Kambodscha. Ich wollte schon immer mal dorthin. Das Land reizte mich. Es war wunderschön – und dann lernte ich auf der Reise auch noch Selina kennen. Wir wurden ein Paar. Wir waren glücklich.

Bis ich ein paar Jahre später erneut nach Kambodscha eingeladen wurde. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Am Flughafen Zürich sah ich Jenny. Es machte bang! Ich kann mich an nichts mehr erinnern von der ganzen Reise – ausser an Jennys Strahlen. Dabei bin ich gar nicht der Liebe-auf-den-ersten-Blick-Typ! Bei Tanja ist es langsam gewachsen. Bei Selina ging es auch nicht ganz sooo schnell. Aber bei Jenny – mit ihr hatte ich noch nicht einmal ein Wort gesprochen, und der Fall war klar.

Damals hatte ich bereits meine Firma gegründet: Travel Worldwide, ein Internet-Reisebüro für exklusive Fernreisen – samt Beratung. Zuerst war es eine One-Man-Show, aber dann wuchs das Business so schnell, dass ich Leute einstellen musste. Es war klar, dass ich Selina dabeihaben wollte – sie ist ja auch aus der Reisebranche. Sie sagte zwar: «Ich will nicht mit meinem Freund zusammenarbeiten», aber am Schluss kam sie trotzdem.

Ich habe Selina noch von Kambodscha aus angerufen und ihr alles gestanden. Ich hatte tagelang versucht, Jenny aus dem Weg zu gehen. Wenn sie zuvorderst im Bus sass, dann setzte ich mich ganz nach hinten. Wir sprachen kein Wort miteinander. Vier Tage blieb ich standhaft – dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich sagte zu Jenny: «Du, ich glaube, wir sind bestimmt füreinander.» Sie: «Ja, das denke ich auch.» Selina war natürlich geschockt. Ich fühlte mich scheisse und schwebte gleichzeitig auf Wolke sieben. Aber Selina hat ein grosses Herz – und ist nicht nachtragend. Und weisst du was? Heute sind die beiden beste Freundinnen!

Tanja, meine Ex-Ex, wollte ich natürlich auch in meiner Firma dabeihaben. Sie ist ein Vollprofi und eine supertolle Person. Heute macht sie die Administration und das Webpublishing. Und Selina ist mittlerweile meine Stellvertreterin. Jenny wechselte schliesslich auch zu mir, als Reiseberaterin. Klar, es ist nicht immer einfach, mit seiner Frau und den Ex-Freundinnen zusammenzuarbeiten. Kritik nimmt man schnell persönlich, und man ist auch gehemmter, sie auszusprechen. Aber das Positive überwiegt. Wir sind eine grosse Familie.

Alles easy, fragst du? Oh, ja! Einzig Studienreisen nach Kambodscha sind für mich jetzt tabu.

* Simon Schnellmann (40) ist Inhaber des Zürcher Reisebüros Travelworldwide.ch

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