Art Basel: Die Kunst des Dazugehörens – ein Blick hinter die Kulissen
Diese Woche ist Basel wieder der Mittelpunkt der Kunstwelt. Doch hinter den grossen Namen, millionenschweren Verkäufen und glamourösen Empfängen verbirgt sich ein Mikrokosmos aus Ritualen, Statussymbolen und sozialer Choreografie. Eine Insiderin klärt auf.
- Von: Hannah Halbleer
- Bild: Courtesy of Art Basel / Isa Genzken, Unlimited
Ich erinnere mich noch genau an meine erste Art Basel: Es war an einem Samstag, 2012, ich noch ein Schulmädchen. Die Messehallen: ein Labyrinth aus gigantischen Skulpturen, raumfüllenden Videoinstallationen, Werken grosser Meister und junger Künstler:innen. Und die mit mir wandelnden Menschen – alle wirkten so wichtig, so glamourös, so international. Ich wusste nicht genau, was das hier war, aber ich wollte unbedingt Teil davon sein.
Heute bin ich jeweils schon ab Dienstag in Basel. Suchend, beobachtend, vermittelnd. Als Kuratorin und Beraterin halte ich Ausschau nach Kunst, nach Künstler:innen und nach Gesprächen, aus denen neue Projekte entstehen könnten. Mich interessiert, wie Kunst aus den erwartbaren Räumen heraustreten kann – näher an neue Sammler:innen, neue Öffentlichkeiten und neue Begegnungen.
Noch immer verlaufe ich mich in den Hallen. Noch immer verliere ich mich jedes Jahr aufs Neue in einer Mischung aus Faszination, Überstimulation und Ehrfurcht. Mittlerweile weiss ich aber, dass ich damit nicht alleine bin.
Very Important People Watching
Dienstag und Mittwoch ist die Art Basel jeweils noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich und gehört einer Parallelgesellschaft.
"Ein reisender Organismus mit beeindruckender Flugmeilenbilanz"
Die Sammler:innen, Künstler:innen, Kurator:innen, Museumsdirektor:innen, Berater:innen, Journalist:innen und Galerist:innen standen noch wenige Wochen zuvor gemeinsam im verregneten Venedig in der Schlange zur Eröffnung der Biennale und planten ihr Wiedersehen in der Schweiz. Ein reisender Organismus mit beeindruckender Flugmeilenbilanz.
Für diesen auserlesenen Teil der Kunstwelt startet die Messe am Dienstagmorgen mit einem Austern- und Champagner-Frühstück – gesponsert von Ruinart, dem Stammgetränk der Kunstwelt. Auf leeren Magen nur schwer zu ertragen; Profis frühstücken schon vorher.
"VIP zu sein, reicht nicht. Es geht um das Privileg, als Erste:r vor einem Werk zu stehen, das wenige Stunden später vielleicht bereits verkauft sein wird"
VIP zu sein, reicht an diesem Vormittag nicht. Schliesslich geht es um das Privileg, als Erste:r vor einem Werk zu stehen, das wenige Stunden später vielleicht bereits verkauft sein wird. Oder darum, von den richtigen Leuten zur exklusivsten Stunde der Woche gesehen zu werden – denn wer sich am Dienstagmorgen im Innenhof der Herzog & de Meuron Halle tummelt, darf sich First-Choice VIP nennen. Die gefragteste Einladungskategorie der Art Basel.
Die eingeübte Choreografie durch die Messehallen
Ein nervöses Knistern in der Luft, dann ertönt der Gong: «Art Basel is now open».
Für einen kurzen Moment erinnert die Szene weniger an einen kulturellen Anlass als an den Start eines Marathons. Oder an einen Black Friday Sale. Tatsächlich ist der Vergleich gar nicht so weit hergeholt: Erst kürzlich traf ich beim Abendessen ein Sammlerehepaar, das mir von seiner minutiösen Strategie erzählte. Die Route durch die Hallen war bereits geplant, inklusive Abkürzungen, Prioritätenliste und Reihenfolge der wichtigsten Stände. Wer zuerst ankommt, sieht zuerst – und kauft vielleicht auch zuerst.
"Schliesslich möchte sich niemand die Blösse geben, von einem Werk überfordert zu wirken"
Bewaffnet mit Messeplan, Handy und dem festen Vorsatz, möglichst beschäftigt auszusehen, beginnt die grosse Wanderung durch die Messehallen. Vorbei an Picasso, Kusama oder Hockney im Parterre, die Treppen hinauf zu jüngeren Künstler:innen, die dereinst Kunstgeschichte schreiben werden.
Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Man quittiert die Erklärungen der Galerist:innen mit einem nachdenklichen Nicken: «Interesting» oder «What material is this?». Eine Paraphrase höflicher Ratlosigkeit. Sätze, die weniger auf Erkenntnisgewinn als auf Kennerschaft abzielen. Schliesslich möchte sich niemand die Blösse geben, von einem Werk überfordert zu wirken. Dabei kann und soll Kunst unseren Blick doch öffnen und die Welt immer wieder in Frage stellen.
Sales, Sales, Sales
Die Art Basel unterhält. Hinter jeder Ecke eine neue Überraschung. Gleichzeitig ist sie eine der wichtigsten Handelsplattformen des Kunstmarktes. Hinter jedem perfekt ausgeleuchteten Messestand stehen Transportrechnungen, Versicherungskosten, Hotelbuchungen, Standgebühren und Monate der Vorbereitung. Nur Verkäufe sichern die Fortexistenz des Marktes.
"Für viele Galerien entscheidet sich in den ersten beiden Tagen ein erheblicher Teil ihres Jahresumsatzes"
Der Druck ist gross. Für viele Galerien entscheidet sich in den ersten beiden Tagen der «Art» – wenn nicht sogar innert weniger Stunden – ein erheblicher Teil ihres Jahresumsatzes.
Galerien zeigen an ihren Ständen jeweils nur etwa ein Drittel der mitgebrachten Werke. Nachts wird umgehängt. Wer also denkt, sich an bestimmten Kunstwerken orientieren zu können, wird am nächsten Tag vermutlich wieder im Labyrinth der Messehallen verloren gehen.
A People’s Business
Die Art Basel regiert schon lange nicht mehr nur in Basel. Sie spannt ein Netz um die ganze Welt – von Miami Beach über Paris und Hongkong bis nach Doha. Sie verbindet, vernetzt und gibt der Kunst den Platz, gezeigt, entdeckt und gekauft zu werden. Die Tage sind fürs Networking da, die Nächte auch. Denn FOMO (Fear of Missing Out) ist ein allgegenwärtiges Gefühl.
Die Woche ist ein ständiger Kampf um Party-Gästelisten, Einladungen zu Gallery Dinners und Champagnerempfängen. Denn wer sich zwischen mehreren Veranstaltungen gleichzeitig entscheiden muss, darf sich zu den Gefragtesten der Szene zählen. Doppelbuchungen sind weniger ein logistisches Problem als ein Statussymbol.
"Die Tage verschwimmen zu einem einzigen sozialen Dauerlauf"
Man trifft dieselbe Person drei Mal am selben Tag – beim morgendlichen Schwimmen im Rhein, am Waschbecken der VIP-Lounge-Toiletten, in der Schlange vor dem Hotel Trois Rois – und führt drei leicht unterschiedliche Versionen desselben Gesprächs. Die Tage verschwimmen zu einem einzigen sozialen Dauerlauf. Durch diese wiederkehrenden Begegnungen entstehen Freundschaften, die über den beruflichen Kontext hinausgehen. So wächst bereits Mitte Juni die Vorfreude auf das nächste Art Basel Klassentreffen in Paris im Oktober.
Nach Basel ist vor Paris
Ein grosser Teil des Who’s Who der Kunstwelt reist am Mittwochabend wieder ab. Vermutlich nach Hydra an die Saison-Eröffnung einer grossen Privatsammlung. Übrig bleiben die Galerist:innen, die noch bis Sonntag zehn Stunden am Tag an ihren Ständen durchhalten werden.
Am Donnerstag öffnet das temporäre Museum schliesslich seine Tore für die Öffentlichkeit. Die Atmosphäre wird entspannter. Und irgendwo zwischen Louise Bourgeois, Andy Warhol und den nächsten Generationen von Künstler:innen steht vielleicht auch dieses Jahr wieder ein eingeschüchtertes Mädchen, das sich der magnetisierenden Wirkung dieser faszinierend widersprüchlichen Welt nicht wird entziehen können.