Häusliche Gewalt im Kino: Der Film "La Maison des femmes" bricht mit dem gängigen Bild von Opfern
Der französische Spielfilm "La Maison des femmes" erzählt die Geschichte eines Pariser Frauenhauses und zeigt auf, wie komplex das Thema häusliche Gewalt ist und welche Vorurteile Opfer erleben. Wir haben mit Regisseurin Mélisa Godet über den Mut betroffener Frauen, die Kraft des Zusammenhalts und Gewaltszenen auf der Leinwand gesprochen.
- Von: Vanja Kadic
- Bild: Marie Rouge
annabelle: «La Maison des femmes» basiert auf der Geschichte eines echten Frauenhauses nahe Paris. Warum wollten Sie ausgerechnet diese Geschichte erzählen?
Mélisa Godet: Ich hörte eines Morgens Ghada Hatem-Gantzer im Radio sprechen, Gynäkologin und Gründerin des Maison des femmes in Saint-Denis bei Paris. Sie erklärte, wie sie auf die Idee gekommen war, gewaltbetroffenen Frauen an einem einzigen Ort alles anzubieten, um ihr Leben wieder aufzubauen. Das heisst: medizinische und psychologische Betreuung, rechtliche Begleitung, Zugang zu geschulten Polizeibeamt:innen, Workshops zur Wiederherstellung des Selbstwertgefühls und so weiter. Sie sprach darüber, wie diese Fachkräfte zusammenarbeiten, um den Frauen zu helfen. Denn andernfalls müssten diese jedes Mal den Ort wechseln und erneut erklären, was ihnen widerfahren ist und was sie brauchen. Eine sehr einfache Idee – aber gleichzeitig revolutionär für die Praxis der Betreuung von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind.
Im Film steht nicht nur die Solidarität unter den Bewohnerinnen des Zentrums im Fokus, sondern auch der Zusammenhalt der Menschen, die dort arbeiten. Was hat Sie an diesen Beziehungen besonders interessiert?
Ich interessiere mich für das Kollektiv und mag Filme mit vielen Figuren und den Dynamiken einer Gemeinschaft. Mich fasziniert die Frage, wie wir Dinge gemeinsam wieder aufbauen können. Ich dachte, dass die Geschichte eines Kollektivs von Pflegenden, hauptsächlich sehr starken Frauen, wunderbar für einen hoffnungsvollen Film über ein wichtiges gesellschaftliches Thema wäre.
Sie sprechen über den Wert des Kollektivs, können Sie das ausführen?
Es geht um ein gemeinsames Tragen und Bewältigen dieser Gewalterfahrungen. Das funktioniert, weil die Pflegenden engagiert sind, aber auch, weil die Patientinnen selbst aktiv an ihrer Betreuung beteiligt sind. Diese Frauen bringen den enormen Mut auf, die Tür zu diesem Ort zu öffnen, um Hilfe zu suchen. Ihnen wird nichts aufgezwungen und sie machen Fortschritte in ihrem eigenen Rhythmus. Aber sobald sie sich entscheiden, voranzugehen, ist Unterstützung da. Es ist eine Form der Weggemeinschaft im Heilungsprozess. Das finde ich sehr interessant und ich glaube, dass das auch der Grund ist, warum es in diesen Frauenhäusern so gute Ergebnisse gibt.
Das Thema häusliche Gewalt ist komplex. Was waren für Sie die grössten Herausforderungen bei diesem Film und bei dieser Thematik?
Die Fragen, die ich mir sofort gestellt habe, noch bevor ich mit dem Schreiben des Drehbuchs begonnen habe, waren: Wie kann man über Gewalt gegen Frauen sprechen, ohne die Gewalt zu zeigen? Denn in meiner Arbeit als Regisseurin ist das nichts, was ich tun möchte. Selbst im Rahmen einer fiktionalen Geschichte möchte ich nicht Frauen inszenieren, die Opfer von Gewalt sind. Das stört mich.
"Eine Szene, die einen sexuellen Übergriff zeigt, kann bei dem oder der Zuschauer:in auch Erregung auslösen. Darauf möchte ich mich nicht einlassen"
Warum haben Sie sich dagegen entschieden, Gewaltszenen zu zeigen?
Solche Gewalttaten wurden bereits oft dargestellt, manchmal auf fragwürdige Weise. Ich finde, es ist ein seltsamer Mechanismus, den man damit beim Zuschauer auslöst. Das Zeigen von Gewalt schockiert – und manchmal erregt es sogar. Das ist ein ziemlich heikler Kontrast: Eine Szene, die einen sexuellen Übergriff zeigt, kann bei dem oder der Zuschauer:in auch Erregung auslösen. Darauf möchte ich mich nicht einlassen. Das Zeigen solcher Gewaltszenen verhindert eigentlich das Nachdenken. Ich wollte den Film anderswo ansiedeln, nämlich bei der Aufarbeitung dessen, was diesen Frauen widerfahren ist. Ausserdem bin ich als Regisseurin dafür verantwortlich, was auf meinem Set passiert, und ich möchte Schauspielerinnen nicht in solche Situationen bringen. Auch wenn es ihr Beruf ist, glaube ich nicht, dass man alles zulassen darf, nur um gute Sequenzen zu drehen.
Obwohl Sie die Gewalt nie explizit zeigen, ist sie im Film doch die ganze Zeit präsent.
Ja. Es geht darum, wie man darüber sprechen kann, ohne die Gewalt zu zeigen und sie gleichzeitig auch nicht zu beschönigen. Und die Geschichten, die diese Frauen erzählen, sind manchmal ziemlich schwer zu hören. Aber sie sprechen darüber, was ihnen widerfahren ist. Das heisst, sie nehmen ihr Leben wieder in die Hand. Sie sind nicht mehr Objekte der Gewalt, die ihnen aufgezwungen wird. Sie werden wieder zu Subjekten ihres eigenen Lebens. Und das war extrem wichtig. Die zweite Frage, die ich mir gestellt habe, als ich beschloss, diesen Film zu drehen, war: Wie schaffe ich es, einen Film über Gewalt gegen Frauen zu machen, der trotzdem ein breites Publikum anspricht?
"Frauenhäuser sind für Betroffene auch Orte der Rückkehr ins Leben, an denen es auch sehr viel Humor gibt, an denen die Betreuerinnen und ihre Patientinnen sehr viel Charakter haben"
Interessante Frage. Und wie vermittelt man dieses Thema zugänglich?
Mir ist es wichtig, dass die Stimmen dieser Frauen so breit wie möglich gehört werden. Und dass das, was in diesem Zentrum und in anderen Frauenhäusern geschieht, möglichst viele Menschen erreicht. Was mir geholfen hat, diese Frage zu beantworten, war, mich darauf zu konzentrieren, was an diesem Ort wirklich passiert: Diese Häuser sind für Betroffene auch Orte der Rückkehr ins Leben, an denen es auch sehr viel Humor gibt, an denen die Betreuerinnen und ihre Patientinnen sehr viel Charakter haben. Denn den braucht man, um all das zu bewältigen. Diese Frauen sind dabei, ihre Lebensfreude wiederzufinden. Das musste also im Film sichtbar werden. Was ihnen widerfährt, ist traurig und schrecklich. Aber es definiert sie nicht, sie sind so viel mehr als das. Auch das wollte ich mit diesem Film zeigen. Und das hat es mir auch ermöglicht, den Film trotz des Themas immer wieder in ein helleres Licht zu rücken.
Der Film dekonstruiert das gängige Bild eines Opfers häuslicher und sexualisierter Gewalt und zeigt: Das klassische Opfer gibt es nicht. Was haben Sie neu über das Thema gelernt und welche Missverständnisse über häusliche Gewalt wollten Sie konkret aufbrechen?
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie massiv das Problem tatsächlich ist. Mir wurde beim Schreiben und Drehen dieses Films einmal mehr extrem bewusst, dass die Tatsache, ein Mädchen oder eine Frau zu sein, ein zusätzliches Risiko für die Gesundheit und Sicherheit im Leben darstellt. Und wie sehr die Tatsache unsere individuellen Freiheiten allein aufgrund unseres Geschlechts einschränken kann. Das weiss ich natürlich, ich bin eine Frau, ich habe es selbst erlebt. Aber das Ausmass davon, dessen ich mir bei der Produktion dieses Films wieder bewusst wurde, hat mich ziemlich verblüfft.
Der Film thematisiert auch die Frage, warum Betroffene «nicht einfach gegangen sind» und dass es eben auch oft vorkommt, dass Frauen zu ihrem gewalttätigen Partner zurückkehren. Wie zeigt man im Kino die Komplexität einer solchen Dynamik, ohne diese Frauen zu verurteilen?
Das fand ich sehr interessant. Es war hilfreich, sich in die Perspektive dieses Pflegeteams zu versetzen. Dieses hat sich im Zuge der Entstehung dieses Frauenhauses speziell auf diese Problemstellungen geschult und war so in der Lage, diese Mechanismen zu untersuchen und zur Arbeitsgrundlage zu machen. Als ich Ghada Hatem-Gantzer, die Gründerin des Maison des femmes, traf, sagte sie mir: «Weisst du, im Schnitt versucht eine Frau, die zu Hause Opfer von Gewalt wird, sieben Mal zu gehen, bevor es ihr gelingt.» Das ist enorm, und man wird sich auch bewusst, wie viel Zeit es in Anspruch nehmen kann, sich um diese Frauen zu kümmern. Ein Behandlungsverlauf dauert also nicht drei oder sechs Monate, sondern im Schnitt zwei Jahre.
Wie muss man sich das vorstellen?
Die Teams lösen gemeinsam mit den Patientinnen all die Muster auf, die die Gewalt geschaffen hat – denn das Prinzip der Gewalt besteht darin, dich als Person verschwinden zu lassen. Deshalb ist es kompliziert: Alles, was dabei in einem zerstört wird, muss wieder aufgebaut werden, und das braucht enorm viel Zeit. Allein schon das Gefühl, es wert zu sein, betreut und behandelt zu werden, sich als vollwertiger Mensch zu fühlen, zu spüren, dass man auch ausserhalb dieser gewalttätigen Beziehung existiert.
"Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, können keine Frage beantworten, die ihnen nicht gestellt wurde. Man muss also den Mut aufbringen, diese Frage zu stellen"
Der Film ist auch eine Kritik am System. Er zeigt, warum man von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern oft nicht so helfen kann, wie es eigentlich nötig wäre. Was soll dieser Film bewirken oder vielleicht verändern?
Ich hoffe, dass es den Zuschauer:innen – es ist wichtig, dass auch Männer diese Art von Film sehen und sich uns anschliessen – den Anstoss gibt, sich aus komplizierten, gewalttätigen Situationen zu befreien. Ich habe Frauen getroffen, die den Film gesehen haben und bei denen das der Fall war. Für das Publikum im Allgemeinen ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass häusliche Gewalt nicht weit weg passiert, sondern hier und jetzt, bei unseren Nachbar:innen, bei unseren Freund:innen. Denkt man sich bei jemandem, dass sie vielleicht schwierige Zeiten durchmacht, sollte man ihr signalisieren: Wenn es dir nicht gut geht, bin ich da. Und vielleicht nimmt diese Frau diese Hilfe nicht sofort an, aber auf jeden Fall öffnet das eine Tür dafür, dass jemand etwas bemerkt hat und zuhört. Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, können keine Frage beantworten, die ihnen nicht gestellt wurde. Man muss also den Mut aufbringen, diese Frage zu stellen.
Sie sagen, dass Sie Reaktionen von Opfern häuslicher Gewalt erhalten haben, die den Film gesehen haben. Können Sie mehr zu diesen Begegnungen erzählen?
Als der Film in Frankreich anlief, konnten wir ihn an vielen Orten begleiten und organisierten Vorführungen in Städten, in denen es mittlerweile Frauenhäuser gibt. Wir konnten auch die Betreuungsteams der Frauenhäuser treffen. Es war toll zu sehen, wie sie diese Würdigung ihrer Arbeit annahmen, denn dieser Film ist eine Hommage an ihre Arbeit. Und dann waren im Publikum oft Frauen, die Gewalt erlebt hatten oder leider immer noch in Systemen lebten, in denen Gewalt zum Alltag gehört. Das war sehr bewegend. Und es war auch sehr inspirierend zu sehen, wie diese Frauen in einem Saal mit 300 Menschen den Mut aufbrachten, ans Mikrofon zu treten und zu sagen: «Ich kenne dieses Problem sehr gut, weil ich es durchmache oder durchgemacht habe.» Und das ist eine echte Lektion in Sachen Mut.
«La Maison des femmes» ist ab 11. Juni 2026 im Kino zu sehen.
Informationen und Hilfsangebote zum Thema häusliche Gewalt findest du hier:
Unter der Kurznummer 142 der Opferhilfe wirst du kostenlos und anonym beraten, wenn du Gewalt erlebt hast oder jemand in deinem Umfeld von Gewalt betroffen ist
143 – Die Dargebotene Hand (Crisis support in English: heart2heart.143.ch)
BIF – Beratungsstelle für Frauen
Männerhäuser in der Deutschschweiz und in Genf
Beratungsstellen für Gewaltvorfälle
Für Männer, die Gewalt gegenüber ihrer:ihrem Partner:in einsetzen und/oder sich in einer sonstigen Konflikt-und Krisensituation befinden, bietet das Mannebüro Beratungen an, auch telefonisch.