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Emily Ratajkowskis Bestseller erscheint auf Deutsch: Lest hier einen Vorabdruck aus «My Body»

Popkultur

Emily Ratajkowskis Bestseller erscheint auf Deutsch: Lest hier einen Vorabdruck aus «My Body»

Mit «My Body» lieferte Emily Ratajkowski ihr schriftstellerisches Debüt – nun erscheint der Bestseller auf Deutsch. Wir veröffentlichen exklusiv einen gekürzten Vorabdruck ihres Essays «Moment Mal – Halle Berry» in dem sie über das Spannungsfeld zwischen feministischer Ermächtigung und der Kapitalisierung ihrer Sexualität nachdenkt.

Langsam stand ich auf. Der Boden unter meinen nackten Füßen fühlte sich kühl an. Das Klopfen der Regentropfen folgte mir ins Bad. Ich erblickte meinen nackten Körper in den Spiegeln an den Wänden. Ich sah sommersprossig und jung aus und auf diese bestimmte Weise schläfrig, die manche süß und charmant finden. Ich wusch mir das Gesicht und betrachtete mich. Ich nippte an meinem kalten Kaffee und verschönerte meine geschwollenen Augen mit Mascara.

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um das mit dem Foto zu erledigen, dachte ich. S müsste dafür nicht einmal aufstehen. Summend fuhr ich mit einem trockenen Rasierer meine Achseln entlang und cremte mir die Beine ein. In meinem Koffer suchte ich nach einem Bikini aus meiner eigenen Modelinie und entwirrte ein orangefarbenes Top mit besonders vielen Bindebändern. Dieses Teil hatten wir noch nie fotografiert. Meine Geschäftspartnerin und Freundin Kat hatte mich vor der Abreise daran erinnert, dass ich unbedingt ein Foto mit diesem speziellen Bikini machen sollte. Die Bademoden verkaufen sich normalerweise nicht so gut, wenn sie nicht auf Fotos von mir getragen wurden. Ich zog das Bikinihöschen hoch und beugte mich nach vorn, um sicherzustellen, dass meine Brüste richtig im Oberteil saßen.

«S», rief ich aus dem Badezimmer, «du musst ein Foto machen.»

«Klar.» Er lächelte mich an. Immer noch barfuß trat ich ans Bett. «Du siehst aber hübsch aus», sagte er freundlich und öffnete die Kamera auf seinem iPhone.

«Danke.» Ich wurde rot. Als ich S zum ersten Mal begegnet war, schämte ich mich für mein Verhältnis zu Instagram – für mein damaliges Bedürfnis, so viele Follower wie möglich zu gewinnen, um weiterhin mit Promotion Geld zu verdienen. Manchmal musste ich ihn bitten, mich dafür zu fotografieren, und ich hasste es. Erst nach sechs Monaten überwand ich meine Scham. Es war zwar kitschig, aber lukrativ. Ich wollte mich nicht dafür schämen, mit Bildern von mir selbst Geld zu verdienen.

Ich stellte mich mitten in die geöffnete Schiebetür, das Gesicht zum Pool gewandt, nur wenige Zentimeter vom strömenden Regen entfernt. «Dann hätten wir das erledigt.»

«Schau mich an», sagte S, und ich tat es. Mein Pofett drückte gegen meinen Oberschenkel. Mein Blick war ausdruckslos.

«Erledigt.»Er reichte mir das Telefon.

Ich postete das Bild ungefiltert, weil ich wusste, dass Menschen gern Bilder sehen, die sie auch selbst aufnehmen würden. Als Bildunterschrift wählte ich: «Hi. Das ist mein Hintern in @inamoratawoman». Das war schlicht und auf den Punkt. Ich fügte Tags hinzu, damit meine Follower den Bikini direkt aus der App heraus kaufen konnten.

Noch immer bin ich süchtig nach dem Gefühl, wenn ein Post auf Instagram sehr viele Kommentare und Likes bekommt. Ein Foto zu machen und es für achtundzwanzig Millionen Menschen hochzuladen, sorgt für ein ganz besonderes High. Dass Menschen auf der ganzen Welt vielleicht über meine Posts reden, ist aufregend. Es ist berauschend, eine solche Flutwelle verursachen zu können, wann immer ich will.

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Ich fand Übertreibungen schon immer gut. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, mich größer zu machen, als ich bin. Sei die lauteste, meinungsstärkste Person im Raum, trage das offenherzigste Outfit. Reiz es aus. Auffällig sein bedeutet auch, sich zur Zielscheibe zu machen. Doch indem ich die Blicke, die Aufmerksamkeit und damit auch die Angriffe der Menschen auf mich lenke, fühle ich mich mächtiger und weniger verwundbar, weil ich es selbst so entscheide. Wenigstens fühlt es sich so an. Manchmal.

Für den Urlaub mit S wurde ich bezahlt. Eine große Hotelkette hatte ein neues Luxusresort auf den Malediven eröffnet. Die Baukosten betrugen vierhundert Millionen Dollar.

Der Hotelmanager, ein ganz in Weiß gekleideter Franzose, erzählte uns beim Frühstück, die Insel gehöre einem superreichen Typen aus Katar. Der Konzern wolle das Resort bekannt machen, weshalb mein Besuch und meine Tags wert- voll seien. Für solche Werbeaktionen erhielt ich einen Haufen Geld. Ich musste dafür nur fünf Tage Urlaub machen und hin und wieder ein Bild posten. Der Regen hörte kurz auf. Das reichte genau für die zehnminütige Fahrt zurück zum Bungalow. Langsam fuhren wir über den nassen, weißen Sand. Angestellte in gestärkten Uniformen hielten inne und grüßten mit vor der Brust zusammen gedrückten Händen und kleinen Verbeugungen. Ich nickte und lächelte ihnen zu.

Die Benommenheit, die ich beim Betrachten des Sturms empfunden hatte, entwickelte sich zu echten Kopfschmerzen. Ich legte mich hin und schenkte mir ein großes Glas Wasser ein. Wieder überprüfte ich meinen letzten Post: 789 357 Likes. Ich aktualisierte die Anzeige. 791476. S war währenddessen auf Twitter unterwegs. Selbst an diesem exotischen Ort konnten wir nicht von unseren Smartphones lassen.

«Hier muss ich ständig an Geld denken», sagte S, als wir uns auf den Strandliegen ausstreckten. Er sprühte sein Gesicht mit Sonnenschutz ein. Ich betrachtete die anderen Gäste durch meine Sonnenbrille. «Reiche Leute», murmelte ich. Wir überlegten: Wie entschieden sie sich überhaupt für ein Ferienziel? Fuhren sie immer wieder an dieselben Orte? Flogen auch ihre Kinder Erste Klasse? Wie viel hätte uns dieser Urlaub tatsächlich gekostet?

Wir schätzten die Preise der Flüge, Getränke und Mahlzeiten. «Mann», sagte ich. «Das hier ist wirklich ein Ort für Reiche.»
«Ja, aber wir sind mittendrin, Baby. Wir leben wie Reiche.» Ich zog meine Hutkrempe herunter und griff nach meiner Piña colada. «Ich spiele das Spiel mit», sagte ich und nahm einen großen Schluck von dem süßen Cocktail. S verzog das Gesicht. «Wie meinst du das?», wollte er wissen.

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«Ich bin kein Gast, der hier Urlaub macht, sondern ein wandelndes Werbeplakat.»

Emily Ratajkowski

Ich erklärte, dass wir uns von den anderen Gästen dieses Resorts unterschieden. «Wir hätten unser Geld nicht für einen Urlaub hier ausgegeben. Diese Leute könnten jederzeit ihre Smartphones ausschalten, wenn sie wollten. Und was ist mit dem Besitzer der Insel? Das Geld, das ich hier verdiene, ist für ihn ein winziger Tropfen in seinem Fass mit den vierhundert Millionen. Es ist unbedeutend, lächerlich, verglichen mit dem Vermögen des Typen, dem diese Insel gehört! Ich spiele hier nur eine Rolle, um sein Geschäft zu unterstützen. Ich bin kein Gast, der hier Urlaub macht, sondern ein wandelndes Werbeplakat.»

S lächelte. Um seine Augen wurden feine Lachfältchen sichtbar. «Komm, Baby.» Er kitzelte mich in der Armbeuge. «Du bist auch Kapitalistin, gib es zu.» Genervt zog ich den Arm weg. Ich nahm einen zu großen Schluck von der Piña colada und spürte die Kälte in den Nasennebenhöhlen. «Ich versuche, in einem kapitalistischen System Erfolg zu haben.» Ich presste meinen Nasenrücken mit zwei Fingern zusammen. «Aber das heißt nicht, dass mir dieses Spiel gefällt. Wie gesagt: Ich spiele mit.» S schüttelte lachend den Kopf und fuhr in Ruhe fort, sich einzucremen.

Ich durchsuchte die Screenshots auf meinem iPhone und zeigte ihm einen. Er las laut vor: «›Zum Teufel mit dem Kapitalismus, aber bis dahin: Füll dir die Taschen.‹ Wie du meinst.» Er lachte.

Ich zupfte mein Bikinioberteil zurecht. Immerhin bot mir dieser bezahlte Urlaub (oder Job, wie auch immer man es nennen mochte) die Chance, meine eigene Marke voranzubringen, die ich ganz allein mit Kat gegründet und finanziert hatte.

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Eines meiner liebsten Kunstwerke stammt von einer Frau namens Hannah Black. Sie ist hauptsächlich Schriftstellerin, produziert aber manchmal auch – meist politische – Kunstwerke. Mir gefällt besonders eine Audioaufnahme von ihr. Sie ist online jedem zugänglich. Berühmte, hauptsächlich Schwarze Sängerinnen singen immer wieder die Worte «my body». Rihanna, Beyoncé, Whitney. Die jeweils zwei Sekunden langen Clips werden in Endlosschleife gespielt: «My body. My body! My bow-day!»

«My body!», sang ich laut in meiner besten Rihanna-Stimme und dachte an Hannah Blacks Audiokunstwerk, während ich ins Wasser ging und mein Bikinihöschen hochzog, um es weiter zwischen meine Pobacken zu schieben. Ich musste an Halle Berry denken, wie sie in «Stirb an einem anderen Tag» aus der Brandung kommt. Halle Berry war sexy, dachte ich, und doch gewann sie den Oscar für «Monster’s Ball» nur, indem sie sich hässlich machte. Ich erinnerte mich an den Satz meiner Agentin: «Wenn du willst, dass die Leute dich für eine gute Schauspielerin halten, musst du dich hässlich machen.» Sie hatte es gesagt, als sei es ganz offensichtlich. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, mich zu bedecken.  Nur einen Monat zuvor hatte Jessica mir ein Zitat von Halle geschickt: «Mein Aussehen hat mich vor keiner einzigen Schwierigkeit bewahrt», lautete es.

«Das Lustige ist: Zuerst machte mich das wirklich wütend, weil – Moment mal, Halle Berry!?», hatte Jessica geschrieben. »Aber dann dachte ich an dein Leben und dass ich geglaubt hatte, wegen deines Aussehens könntest du alles haben. Natürlich weiß ich heute, dass das nicht stimmt. Für keine Frau! Auch nicht für die verdammte Halle Berry. Als Frau denke ich immer, hätte ich doch einen knackigeren Po oder eine kleinere Nase, … mein Leben wäre völlig anders, wenn ich auf Männer nur anziehender wirken würde.»

Moment mal, Halle Berry, wiederholte ich in Gedanken. Widerlegte dieser Urlaub Halles Aussage? Wenn ja, warum fühlte ich mich dann so unwohl? Ich dachte an den Vertrag mit dem Hotel, den ich unterschrieben hatte. Mir war schwindelig. Ich wusste nicht, ob es vom Alkohol oder von der Sonne kam.

Ich aktualisierte meinen Post. «Eine Million Likes, und es werden noch mehr.» Ich grinste S an. Er schüttelte lachend den Kopf und wandte sich wieder seinem Science-Fiction-Buch zu. Ich blickte wieder auf mein Telefon und konzentrierte mich auf meinen Körper. (…) Ich scrollte zum neuesten Kommentar: «Männer mögen Geheimnisse. Hör auf, deinen Körper zu zeigen. Vielleicht wird dir dann jemand zuhören.»

Ich spreizte Arme und Beine, schloss die Augen und befahl mir, mich zu entspannen. Geld bedeutet Macht, dachte ich. Wenn ich meine Sexualität als Kapital betrachte, habe ich Geld. Das ganze verdammte System ist korrupt. Jeder, der mitmacht, ist genauso schuldig wie ich. Was soll ich tun? Einfach aussteigen? Irgendwie muss ich schließlich meinen Lebensunterhalt verdienen. Außerdem mache ich diesen verdammten Urlaub, den sich die meisten Leute nicht einmal leisten könnten, wenn sie ein Jahr darauf sparen würden. Er ist unglaublich teuer, und ich zahle nichts dafür. Ich sollte dankbar sein.  Aber hatte ich wirklich Macht?

«My bow-day», sagte ich laut und betrachtete meine glänzende Haut. Der Ozean erstreckte sich vor mir, und dennoch fühlte ich mich gefangen. My body.

 

– Emily Ratajkowski: My Body. Was es heisst, eine Frau zu sein. Penguin-Verlag, 240 Seiten, ca. 29 Fr., erscheint am 21. Februar 

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Mahena

Oh Gott, was für ein Schrott. Ist das wirklich ernst gemeint? Habe die ersten paar Zeilen gelesen, mehr ging nicht… Übel. Sehr, sehr oberflächlich…