Agnes Obel: "Ich hatte eigentlich gar nicht vor, Kinder zu bekommen"
Eigentlich wollte Agnes Obel ein Album über Technologie machen. Dann wurde sie schwanger – und alles kam anders. Die dänische Musikerin über die Freiheit, nicht mehr nur für die Arbeit zu leben, und die Frage, was uns füreinander verantwortlich macht.
- Von: Melanie Biedermann
- Bild: Alex Brüel Flagstad
Wunderschön und verstörend: So wurde Agnes Obels Musik in Musikkritiken regelmässig beschrieben. Auch das neue Album der Dänin liesse sich im Prinzip wieder in diese Schublade stecken: sphärische, experimentelle Kompositionen, ein Gesang, der mit den Klängen zu verschmelzen scheint, die transzendentale und im besten Sinne gespenstische Stimmung. Und trotzdem ist da etwas anders: «The Meaning of Flowers» klingt wärmer. Verspielter. Optimistischer. Der Grundton hat sich verschoben. Und das ist kein Zufall. In den sechs Jahren, seit sie ihr letztes Album «Myopia» veröffentlichte, hat sich die Welt um die 45-jährige Sängerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin global wie privat grundlegend verändert: Pandemie, Geopolitik, Klimawandel – zwischen all diesen Verschiebungen wurde Agnes Obel erstmals Mutter. Letzteres prägte sie derart, dass das ursprüngliche Konzept für ihr sechstes Studioalbum ins Wasser fiel. Für unser Gespräch schaltete sie sich aus ihrem Heimstudio in Berlin ein.
annabelle: Agnes Obel, Sie wollten ein Album über Technologie machen. Dann wurden Sie schwanger – und Ihr Fokus verschob sich. Was führte zu diesem Umdenken?
Agnes Obel: Während der Pandemie habe ich mich sofort in die Arbeit gestürtzt. Weil ich das immer mache, wenn ich nicht weiss, was ich sonst tun soll. Ich wollte das Album «The Inversion» nennen. Es sollte um den Moment gehen, in dem es im Internet mehr gefälschte Inhalte als echte gibt. Dann erfuhr ich, dass ich schwanger war. Zuerst dachte ich, ich wäre an Covid erkrankt, weil ich mich irgendwie seltsam fühlte. Ich ging zum Arzt, es war kein Covid. Und während der ersten Schwangerschaftswochen beschlich mich das Gefühl, dass die Dinge anders waren.
"Ich begann, das Geschenk des Lebens um mich herum viel stärker wahrzunehmen und wertzuschätzen"
Wie meinen Sie das: Die Dinge waren anders?
Ich schrieb hier in meinem Studio «The Meaning of Flowers» und nahm das Lied in einem einzigen Take auf. Es war diese neue Art von … ja, ich weiss nicht – ich kann es nicht wirklich in Worte fassen. Ich habe das Gefühl, dass das Lied viel besser ausdrückt, was ich sagen möchte, als ich es selbst könnte.
Die Pressemeldung spricht von einer eindringlichen Wahrnehmung der Verbundenheit zwischen allen Lebewesen, die Sie während Ihrer Schwangerschaft erlebten.
Dass daraus ein ganzes Album werden würde, wusste ich damals noch nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass es viel interessanter war, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen als mit Technologie.
Während einer Schwangerschaft und nach der Geburt kommt es zu tiefgreifenden neurobiologischen und hormonellen Veränderungen. Sie sagten einmal, es habe sich angefühlt, als sei Ihr Gehirn aufgebrochen. Wie würden Sie diese Erfahrung Menschen erklären, die weder Schwanger- noch Elternschaft erleben?
Ich weiss nicht, wie man das erklären soll. Aber ich habe plötzlich neue Zusammenhänge gesehen. Und ich begann, das Geschenk des Lebens um mich herum viel stärker wahrzunehmen und wertzuschätzen. Und wenn man sich überlegt, wie viel Leben es auf diesem Planeten schon gegeben hat und dass das meiste davon heute nicht mehr existiert – wir haben nur diesen kleinen Moment hier: was für ein Glück das ist! Und wenn man dann auch noch den Anfang eines Lebens miterleben darf … Ich empfand schon sehr früh in der Schwangerschaft eine immense Dankbarkeit. Aber auch Staunen und Ehrfurcht.
"Ich war mit meiner Musik verheiratet und hatte mich ihr immer voll und ganz gewidmet"
Es klingt, als hätte all das Sie überrascht.
Ja, denn ich hatte eigentlich gar nicht vor, Kinder zu bekommen. Ich war sozusagen mit meiner Musik verheiratet und hatte mich ihr immer voll und ganz gewidmet. Und mein Partner hatte sich ebenfalls immer seinen Projekten gewidmet.
Und als Sie dann doch schwanger wurden, hat sich die Sicht auf all diese Dinge verändert?
Ja, und ich glaube, es war sehr gut für mich, dass das passiert ist. Denn ehrlich gesagt hatte ich nie wirklich ein Leben ausserhalb der Musik. Aber meine Tochter hat mein Leben so viel besser gemacht. Ich glaube auch, dass sie mir die Augen dafür geöffnet hat, wie schön es ist, neben der Arbeit noch viele andere Dinge im Leben zu haben. Wie bereichernd das ist. Ich glaube wirklich, dass sie mich in vielerlei Hinsicht neu erzieht.
Im Album geht es auch um Metamorphosen: Denken Sie, dass das Kinderkriegen Sie als Person und Musikerin verändert hat?
Ja, ich glaube schon. Meine Mutter sagt, ich sei jetzt ein viel entspannterer Mensch – vermutlich eine versteckte Kritik. (lacht) Aber es ist wirklich so, dass Musik für mich zwar nach wie vor wichtig ist, aber längst nicht mehr das Wichtigste. Überhaupt nicht.
Die Prioritäten haben sich verschoben.
Das klingt so offensichtlich, aber ja.
Wie zeigt sich das bei Ihnen konkret?
Normalerweise bin ich zum Beispiel sehr nervös, wenn ein Album erscheint. Ich schlafe kaum, bin total angespannt, alles ist mit Stress verbunden. So war es bei meinen früheren Alben. Dieses Mal freute ich mich einfach darauf. Ich dachte: Super, wenn es funktioniert. Aber wenn nicht, wäre das auch in Ordnung. Und dass ich mich diesmal nicht allzu sehr gestresst habe, das Album fertigzustellen, lag, glaube ich, daran, dass ich den Prozess geniessen wollte. Ich lerne also, mehr Freude an dem zu haben, was ich in meinem Leben tue. Das ist zu einer Priorität geworden. Ich glaube auch, dass man dadurch in gewisser Weise eine bessere Künstlerin wird.
Inwiefern?
Weil man sich von der eigenen Arbeit lösen kann. Man kann einen Schritt zurücktreten, sich davon distanzieren, sie sogar loslassen. Das schenkt einem Freiheit. Und man wird spielerischer, glaube ich.
Wir machen hier fast Werbung dafür, Kinder zu kriegen.
Natürlich ist nicht alles nur schön und glücklich. Es gibt Dinge, vor denen ich jetzt mehr Angst habe. Zum Beispiel vor dem Klimawandel. Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass eine gewisse Art von Ängsten exponentiell wächst, wenn man ein Baby bekommt. Und viele der Erkenntnisse, die ich hatte, kann man natürlich auch ohne Schwangerschaft gewinnen. Menschen erkennen das Wunder des Lebens auch auf andere Weise. Irgendwie ist es ja verrückt, dass ich dafür ein Kind bekommen musste. Aber so habe ich eben gelebt. Ich weiss, dass ich diese Erfahrung machen musste, um dorthin zu kommen. Jeder Mensch ist anders. Und das Wunder des Lebens ist hoffentlich etwas, das wir alle für uns entdecken können. Unser eigenes Leben ist schliesslich auch ein Wunder.
"Menschen sind nicht statisch"
Zum Album veröffentlichten Sie eine Liste von Büchern und Gedichten, die Sie inspirierten. Darauf ist unter anderem Hannah Arendts «The Human Condition» zu finden.
Ja, Hannah Arendt spricht davon, dass man sich jeden Tag daran erinnern sollte, dass man geboren wurde und diese Chance auf ein Leben hat. Und dass man sein Leben gewissermassen immer wieder neu beginnen kann. Sie vertrat auch die Auffassung, dass Politik progressiv sein muss, weil Menschen sich immer wieder neu erfinden können. Wir sind nicht statisch. Der Glaube daran, dass wir Dinge neu erschaffen und immer wieder von vorne beginnen können: Das ist eine sehr hoffnungsvolle Vorstellung. Es ist auch ein Gegenentwurf zum Totalitarismus und dogmatischen Vorstellungen davon, was Menschen sind und welche Möglichkeiten sie haben.
Dieser Optimismus ist aus heutiger Sicht fast revolutionär.
Ja.
Auf Ihrem Album geht es auch um ein Gefühl der Verbundenheit, gerade auch mit der Natur. Mein Partner sagt immer, dass autoritäre Politiker, wie sie heute vermehrt an der Macht sind, abgesehen von manikürten Golfplätzen vermutlich nie Zeit in der Natur verbringen. Denn wer ihre Schönheit und Erdung spürt, hat auch das Bedürfnis, sich um sie zu kümmern.
Stimmt vollkommen. Wenn man über Kinder und Babys nachdenkt, aber eben auch über Tiere und all die anderen lebenden Dinge, für die wir Verantwortung tragen, wird schnell klar: Wir müssen uns kümmern. Und da reicht es nicht, Mama, Papa oder eine dieser anderen Rollen einzunehmen; es braucht ein ganzes Dorf, eine ganze Gesellschaft, die gemeinsam Verantwortung übernimmt. Dieses Bewusstsein dafür, füreinander zu sorgen, fehlt diesen Leuten völlig. Und übrigens haben viele von ihnen Kinder, manche sogar sehr viele. Man ist also keineswegs immun gegen totalitäre Tendenzen oder Faschismus, nur weil man Kinder hat. Das ist offensichtlich. (lacht)
Diese Leute bekommen vermutlich auch keine Kinder, um sich später um sie zu kümmern …
Nein. Sich um das Leben und umeinander zu kümmern, erfordert Zärtlichkeit, Liebe und Offenheit. Und genau das fehlt meiner Meinung nach im Denken totalitärer oder faschistischer Machthaber völlig. Dafür gibt es dort keinen Raum.
Sie wirken da wie das pure Gegenteil: Das Lied «Laymelli» haben Sie aus der Perspektive eines Insekts geschrieben. Hatten Sie schon immer die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen?
Ich glaube, ich habe mich immer mehr dafür interessiert, was Bewusstsein eigentlich ist und wie wir es verstehen können. Auch jetzt, hier in meinem Studio … – Ich glaube, da krabbelt ein Käfer an meinem Fenster entlang. Oder eine sehr, sehr dicke Spinne. (lacht)
"Stellen Sie sich vor, Sie sind diese Spinne: Wie würde es sich anfühlen, auf dieser Welt zu sein?"
Draussen oder drinnen?
Draussen. Jetzt stellen Sie sich einen Moment lang vor, Sie sind dieser unglaublich komisch aussehende Käfer. Oder ist es eine Spinne? Dann ist sie wirklich riesig. – Es muss eine Spinne sein, ich bin im dritten Stock. – Jedenfalls: Stellen Sie sich vor, Sie sind diese Spinne: Wie würde es sich anfühlen, auf dieser Welt zu sein? Das ist einfach faszinierend. Ich liebe es, mit solchen Ideen zu spielen und zu versuchen, andere Perspektiven einzunehmen.
Was fasziniert Sie so sehr daran?
Stellen Sie sich vor, Sie fliegen hoch oben am Himmel und schauen hinunter, sehen all die Häuser und Menschen. Plötzlich liegt eine ganze Welt vor Ihnen. Und in jeder dieser kleinen Welten haben die Menschen ihr eigenes Leben, ihre Probleme, ihr Glück, ihre Freude und ihre Träume. Das ist überwältigend. Und das ist nur die menschliche Ebene. Es gibt ja auch noch all die Tiere. Und Pflanzen. Es gibt Hinweise darauf, dass Pflanzen über Systeme verfügen, die Nervensystemen ähneln. Das alles ist so faszinierend. Wir entdecken immer mehr, wie stark wir über die verschiedenen Arten hinweg miteinander verbunden sind. Bäume haben eine DNA, die der menschlichen DNA ähnelt. Es gibt so viele Dinge, durch die wir viel stärker miteinander verbunden sind, als wir gerne glauben möchten.
Ist Ihnen wichtig, dass Ihre Alben als Statement zur Weltlage gelesen werden? Oder sehen Sie das als etwas, das weit ausserhalb Ihrer Kontrolle liegt?
Ich glaube, es liegt ausserhalb meiner Kontrolle. Ich wurde öfter danach gefragt, ob meine Musik politisch sei, besonders hier in Deutschland, wo es einige sehr beängstigende Wahlen gegeben hat. Aber nein. Ich arbeite immer aus meiner eigenen Vorstellungskraft heraus. Wenn ich bei meiner Arbeit ein spezifisches Ziel verfolge, fliesst der kreative Prozess für mich einfach nicht mehr so gut. Natürlich würde ich mich aber darüber freuen, wenn das, was ich mache, einen Nutzen haben könnte. Und natürlich wäre es schön, wenn sich das Blatt im Weltgeschehen wenden könnte. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich bei meiner Arbeit bewusst dieses Ziel verfolge.
Ihr Song «Blood so Red» ist von einem Gedicht inspiriert, das Inanna gewidmet ist, der Göttin der Geburt, der Liebe, der Sexualität, des Gesangs und des Krieges. Das sind einige Schwergewichte unter einem Hut. Was hat Sie hier konkret inspiriert?
Ich suchte nach Gedichten, die zu meiner Erfahrung der Geburt passen würden. Ich fand eigentlich nichts, stiess dann schliesslich aber auf eine Sammlung spiritueller Verse, und das allererste Gedicht war eine Hymne an Inanna von Enheduanna. Es ist eine sehr kraftvolle, mythologische Sprache. Und ich hatte das Gefühl, dass das meiner eigenen Erfahrung am nächsten kam. (lacht)
"Die Geburt ist eine gewaltige Kraft, der wir mit grossem Respekt begegnen sollten. Und wir können nichts tun, ausser uns ihr hinzugeben"
Vergleichen Sie Ihre Geburtserfahrung mit Krieg?
Nein, es ging eher um die Sprache des Gedichts, um die Art, wie Enheduanna schrieb. Sie beschrieb, wie Inanna über die Erde schreitet und der Boden unter ihren Füssen bebt. Wie niemand etwas dagegen tun kann und wie allmächtig sie ist. Ich fand das ziemlich treffend: eine gewaltige Kraft, der wir mit grossem Respekt begegnen sollten. Und wir können nichts tun, ausser uns ihr hinzugeben.
Sie sagten einmal, dass Sie früher dazu neigten, vor Dingen davonzulaufen.
Ja. Diesmal gab es leider kein Entkommen. (lacht) Es ist mit nichts anderem vergleichbar. Und ich hatte das Gefühl, dass dieses uralte Gedicht sehr gut zu dem passte, was ich empfand. Und zu der Art von Sprache, nach der ich gesucht hatte.
Das zeigt auch, dass sich zwar vieles verändert hat, dass wir heute zwar medizinische und technologische Hilfsmittel haben, dass sich an der eigentlichen Sache – der Erfahrung eines neu beginnenden Menschenlebens – aber so gut wie nichts verändert hat.
Nein. Und ich fand es wunderschön, dass dieses uralte Gedicht in einer Sprache verfasst wurde, die ich so gut verstehen konnte – obwohl es vor 4000 oder 5000 Jahren entstanden ist. Und doch beschreibt es dieselbe Erfahrung. In gewisser Weise hat sich so wenig verändert. Das hat mir auch ein Gefühl von Sicherheit gegeben: dass wir über die Jahrtausende hinweg eine universelle menschliche Erfahrung teilen.
Müssen wir uns auch an diese Tatsache erinnern, wenn wir uns im Sinne Hannah Arendts an die Chance des Lebens erinnern?
Ja. Und daran, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, einmal geboren wurde. Wir alle wurden geboren.
Selbst die schrecklichsten Menschen, die man sich vorstellen kann, waren einmal Babys?
Genau. Sie waren einmal kleine Babys, die alles brauchten. Sie brauchten Nähe, Nahrung, Wärme und Fürsorge. Wir alle haben diesen Bauchnabel, über den wir einmal mit einem anderen Menschen verbunden waren.
Aktuelles Album: The Meaning of Flowers (Deutsche Grammophon)