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Yangzom Brauen: Wie im Leben, so im Film

Kultur

Yangzom Brauen: Wie im Leben, so im Film

  • Text: Mathias HeybrockFoto: Peter Hauser

In der Komödie «Länger leben» wirbt die Schweizer Schauspielerin mit feinem Humor für die Befreiung Tibets.

Früher ging die Schweizer Schauspielerin Yangzom Brauen als Tibet-Aktivistin auf die Strasse. In der Schweizer Komödie «Länger leben» wirbt sie mit feinem Humor für ihre Überzeugung.

Bei ihrem ersten Auftritt in der Komödie «Länger leben» trägt Yangzom Brauen einen Spitalkittel, der sie als «Schwester Jasmin» ausweist.­ Am Revers prangt ein Button mit der Aufschrift «Free Tibet», und das ist natürlich ein Lacher. Nur Chefarzt Schöllkopf, gespielt von Regisseur und Autor Lorenz Keiser, findet es irgendwie gar nicht komisch: Politische Agitationsolle doch bitte ihre Privatsache bleiben, raunzt er. Darum ist der Button vom Kittel verschwunden, wenn Schwester Jasmin das nächste Mal die Leinwand betritt. Er prangt jetzt auf dem T-Shirt, das sie auch in ihrer Freizeit trägt.

Yangzom Brauen, Schweizerin mit tibetischen Wurzeln, sitzt in der Suite eines Zürcher Hotels. Jeans, Strickjacke, ein kesser Hut, aber kein Button. Ihre ganz wilden Jahre sind vorbei; der Protest der jugendlichen Strassenaktivistin, der ihr 2001 sogar einen Tag in einem Moskauer Knast eintrug – und ein Medienecho, das bis heute nachhallt. Ihr Engagement ist längst so bekannt, dass der Kabarettist Keiser es auf liebevoll ironische Weise noch der Figur zuschreibt, die Brauen in seinem ersten Kinofilm spielt – einer herzhaften Farce über Organhandel, in der die «Free Tibet»-Plakette noch ziemlich häufig auftauchen wird.

Die dreissigjährige Schauspielerin freut es, dass so «ganz beiläufig» auf Tibet hingewiesen wird. Dass Keiser ihr dazu eine Rolle auf den Leib schrieb, freut sie erst recht. In Los Angeles, wo sie seit einigen Jahren lebt, würde ihr eine solche Ehre kaum widerfahren. Der Part im Sciencefiction-Film «Aeon Flux» war ein hübscher Erfolg, ist aber schon wieder eine Weile her. Das «Salome» Projekt, für das Al Pacino sie engagierte, wird und wird vom Regisseur nicht zum Verleih freigegeben. Also macht Yangzom Brauen die Ochsentour, geht von einem Casting zum nächsten. Ist jedes Mal perfekt vorbereitet, «auch wenn ich schon weiss, dass ich gar nicht zu der Rolle passe. Es geht darum, dass man den Leuten etwas anbietet. Wenn man es gut macht und kontinuierlich, dann kommt auch irgendwann was dabei raus.» Es ist stressig, aber Yangzom Brauen liebt es. Sie lebt ihren Kindheitstraum. Sie wusste schon mit sechs Jahren, dass sie Schauspielerin werden wollte. So wie ihre tibetische Grossmutter schon als Kind wusste, dass sie Nonne werden wollte.

Mit der Lebensgeschichte ihrer Grossmutter Kunsang, von Yangzom Brauen liebevoll Mola (tibetisch für Oma) genannt, hat sie sich intensiv auseinandergesetzt. Als chinesische Soldaten Ende der Fünfzigerjahre einen tibetischen Aufstand mit Waffengewalt niederschlugen, floh Kunsang unter dramatischen Umständen nach Indien, wo sie Mann und eine Tochter verlor. Die zweite Tochter Sonam heiratete später den Schweizer Ethnologen Martin Brauen, Yangzoms Vater. Die Geschichte ihrer Familie hat Yangzom Brauen im sehr lesenswerten Buch «Eisenvogel»  aufgeschrieben, das sich bisher über 100 000 Mal verkaufte. Die Schauspielerin Brauen feierte ihren grössten Erfolg als Autorin.
Nicht dass es ihr zu Kopf gestiegen wäre. Sie ist eine angenehme Person, die mit ihrer tiefen, einnehmend rauchigen Stimme bedächtig formuliert. Zwar könne sie – ganz und gar untibetisch – auch sehr impulsiv sein, sagt sie einmal, aber davon ist selten etwas zu spüren. Ausser man fragt, ob junge Tibeter nicht auch zu schätzen wüssten, was die Chinesen an urbanem Lebensgefühl in den Himalaja mitbrachten. Dinge wie zum Beispiel Popmusik oder Mode. «Alkoholismus, Prostitution», ergänzt sie dann sarkastisch.

Yangzom Brauen ist besorgt um das Schicksal der tibetischen Kultur. Doch sie weiss auch um ihre mittelalterliche Gesellschaftsstruktur, in der die Adelsschicht das Sagen hat. Dieser Ordnung könnten sich selbst viele Exil-Tibeter nicht entziehen. In ihrem Buch erzählt Brauen, wie ihre Grossmutter vor einigen Jahren Besuch von einer tibetischen Adeligen bekam. Die Frau, eine hohe weibliche Inkarnation, entdeckte in Grossmutters Wohnung einen kostbaren Teppich, den Kunsang unter Lebensgefahr in die Schweiz gerettet hatte. Die Adelige wollte das kostbare Familienstück unbedingt haben. Die Grossmutter verstand den Wunsch als Befehl. Sie überliess ihr den Teppich für ein paar Hundert Franken, die weder den materiellen noch den ideellen Wert deckten.

Yangzom Brauen versteht den Buddhismus weniger als Religion oder Gesellschaftssystem. Sie erkennt darin eine Lebensphilosophie. «Don’t grasp – krall dich nicht fest», umschreibt sie seinen Kern. Und sie ist überzeugt, dass sie die Rolle in «Aeon Flux» nur bekommen hat, weil sie sie nicht um jeden Preis wollte. Damit ist sie bislang gut gefahren. Auch «Länger leben» flog ihr einfach zu. Zurzeit steht sie für eine deutsch-schweizerische Produktion vor der Kamera. Gedreht wird in Nordindien, in Ladakh, im Himalaja – keine 200 Kilometer von der Heimat ihrer Vorfahren entfernt.

Dorthin zurückkehren würde Yangzom Brauen selbst dann nicht, wenn sich die chinesischen Besatzer aus Tibet zurückziehen würden. Dazu ist sie viel zu verankert in der westlichen Welt; hängt viel zu sehr an ihrem Beruf: «Ich bin Schauspielerin, ich muss da leben, wo Filme gemacht werden.» Ihre geliebte Mola jedoch träumt von der Rückkehr. In ihrem nächsten Leben möchte sie als Mann wiedergeboren werden – im alten tibetischen Denken sind Männer höher gestellt als Frauen und damit näher am Übergang ins Nirwana, dem Abschluss des Kreislaufs von Wiedergeburt und Leiden. Yangzom Brauen dagegen hat es noch nicht so eilig mit der Erleuchtung. Sie fände es schön, wenn sie in ihrem nächsten Leben wieder eine Frau sein könnte.

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