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Art Basel 2013: Der Art-Kompass zur Kunstmesse

Leben

Art Basel 2013: Der Art-Kompass zur Kunstmesse

  • Text: Dietrich Roeschmann; Fotos: siehe Ende Artikel

Wie findet man sich an der Art Basel zurecht, einer Messe, doppelt so gross wie alle Kunstmuseen der Schweiz zusammen? Mit unserem Highlight-Wegweiser, dem Art-Kompass 2013.

Wenn in den nächsten Tagen die Art Basel ihre Tore öffnet, dürfte wieder einmal klar werden: Noch grösser, schöner und aufregender als diese weltgrösste Kunstmesse kann nur ihre eigene Neuauflage sein. Das Ziel, alles bislang Dagewesene in den Schatten zu stellen, fällt dieses Jahr besonders ehrgeizig aus. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der neue, 220 Meter lange Erweiterungsbau, den die Basler Architekten Herzog & de Meuron entworfen haben. Mit seiner schimmernden Fassade aus geflochtenen Stahlbändern und dem futuristischen Lichthof, der sich im Innern wie ein gigantisches Observatorium zum Himmel hin öffnet, wirkt die Halle wie ein Raumschiff, das im dicht besiedelten Kleinbasel gelandet ist. 430 Millionen hat der spektakuläre Neu- und Umbau gekostet. Er bietet dem Publikum mit 141 000 Quadratmetern mehr als doppelt so viel Schaufläche wie sämtliche öffentlichen Kunstmuseen der Schweiz zusammen.

Schwerpunkt Asien und Südamerika: Art Basel 2013

Bespielt wird diese Fläche von mehr als 300 internationalen Topgalerien mit Arbeiten von rund 2500 Kunstschaffenden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Galerien aus Asien und Südamerika, mit deren Präsenz die Art Basel in diesem Jahr erstmals eine deutliche Brücke zu den Standorten ihrer Schwestermessen in Miami und Hongkong schlägt. Daneben gibt es diverse Soloschauen von vielversprechenden Newcomern (Art Statements). Ein eigener Sektor widmet sich der Wiederentdeckung fast vergessener Helden (Art Feature).

Und wer nach dem Kunstmarathon durch die Messehallen noch immer nicht genug hat, sollte sich auf keinen Fall den Besuch der «Liste» entgehen lassen. Der Event in den verschachtelten Räumen der ehemaligen Warteck-Brauerei gilt als zuverlässiges Schaufenster für die Kunst von morgen.

— Art 44 Basel, Messe Basel, 13. bis 16. 6., www.artbasel.com

Weitere Topanlässe der Kunstwoche:

  • Die Liste für junge Kunst (12. bis 16. 6., Warteck PP, www.liste.ch)
  • Die Nebenmessen Volta 9 (10. bis 15. 6., Dreispitzhalle, www.voltashow.com)
  • Scope (10. bis 16. 6., Klybeckquai,, www.scope-art.com)
  • Swiss Art Awards (11. bis 16. 6., Messe Basel, Halle 4, Eröffnung 10. 6., 18 Uhr, anschliessend Opening Party im Volkshaus Basel, www.bak.admin.ch)

 

Gross, grösser – Art Unlimited

Mit 22 mal 7 Metern ist Matt Mullicans Zeichenassemblage «Two Into One Becomes Three» das grösste Gemälde, das jemals an einer Kunstmesse zu sehen war. Dank der Erweiterung der Halle 1 ist die Art Unlimited, der Sektor für raumsprengende Installationen, ausladende Grossskulpturen und kinotaugliche Videoprojektionen, noch einmal deutlich angewachsen. Kurator Gianni Jetzer hat die Arbeiten von rund achtzig Kunstschaffenden zu einem temporären Museum der Superlative arrangiert. Darunter ganze Teile der Zeltstadt, die Ai Weiwei 2007 zur Unterbringung chinesischer Besucherinnen seiner berühmten Documenta-Aktion «Fairytale» errichtet hatte (bei Urs Meile, Luzern/Peking), eine wunderbar fragile Papier- und Zellophanwolke von Karla Black, die von Make-up, Crèmes und Nagellack zusammengehalten wird (bei Gisela Capitain, Köln), und Piotr Uklanskis kunstvoll gewobene Mundhöhlenkulisse «Open Wide», die gross genug ist, um ganze Besuchergruppen zu verschlucken (bei Gagosian, New York).

— Art Unlimited, Messe Basel, Halle 1

Art Film: Kompliziertes Liebesglück

Das berührende Dokudrama «Cutie and the Boxer» von US-Filmemacher Zachary Heinzerling erzählt das Leben des greisen Künstlerpaars Ushio und Noriko Shinohara. Ushio gehörte in den Sechzigern zu den Stars des japanischen Action Paintings, seine mit Boxhandschuhen gemalten Bilder geniessen bis heute Kultstatus – Geld brachten sie allerdings nie ein, ebenso wenig die Gemälde von Noriko. Vom Kunstmarkt weitgehend vergessen, erzählen die beiden von verpassten Chancen, der Kunst des kreativen Scheiterns und ihrem komplizierten Liebesglück am Rande der Altersarmut. Das mehrfach ausgezeichnete Antiheldenporträt gehört zu den Highlights des diesjährigen Filmprogramms der Art Basel. Auch sehenswert: Carsten Nicolais hypnotische Kamerafahrten durch Sandsteinhöhlen und Malcolm McLarens Paris-Hommage, die der Punkpionier noch kurz vor seinem Tod 2010 fertigstellte.

— Art Film im Stadtkino Basel, 10. bis 15. 6.

Kunstpause

Mittendrin und ganz weit weg. Die Bar Rouge ist der perfekte Ort, um nach exzessivem Kunstgenuss die Orientierung wiederzufinden. Beim entspannten Drink im 31. Stock des Basler Messeturms geniesst man einen sensationellen Blick über die Stadt.

— Bar Rouge, Messeplatz 10, www.barrouge.ch, täglich ab 17 Uhr

Slum auf dem Messeplatz

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Mitten auf dem frisch umgebauten Messeplatz hat der japanische Künstler Tadashi Kawamata eine Favela im Stil der illegalen Vorstadtsiedlungen Südamerikas errichtet. Sie soll sichtbar machen, dass der Reichtum der einen ohne die Armut der anderen nicht zu haben ist. Die Slum-Installation dient während der Art Basel als Bar- und Café-Lounge. Anschliessend gehen die 18 Hütten als Geschenk des Künstlers an eine Gruppe Basler Stadtaktivisten, die darin am nahen Rheinhafen ein Kulturzentrum mit Quartiergarten einrichten wollen.

— Favela for Basel, Messeplatz, 11. bis 16. 6.

Essen

Stadien, Messen, Kulturpaläste? Herzog & de Meuron können auch anders. Nach ihrer sanften Neugestaltung des Volkshauses präsentiert sich die Traditionsbrasserie als grosszügiger Szenetreff im Stil der Zwanzigerjahre. Im Festsaal nebenan findet in diesem Jahr die Art Book Fair Basel statt.

— Restaurant Volkshaus, Rebgasse 12/14, www.volkshaus-basel.ch, Mo bis Sa ab 10 Uhr
— Art Book Fair Basel, 14. bis 16. 6., www.ineverread.com

Fünf Kunstschaffende, von denen wir noch hören werden

1. Oscar Murillo (geb. 1986) malt gern im Kollektiv: Mal dürfen Freunde seine Bilder als Yogamatte benutzen, dann wieder lädt er zur Bingo-Party, um neue Motive auszulosen, oder lässt seine Leinwände auf dem Atelierboden liegen, bevor er die abgetretenen Bahnen zerschneidet und zu abstrakten Grossformaten neu zusammennäht. Sammler feiern den jungen Kolumbianer dafür bereits als den neuen Basquiat. (Liste, Carlos/Ishikawa)

2. Sergei Tcherepnin (geb. 1981) verwandelt elektrische Signale in Sounds, die Objekte in Bewegung bringen oder sich in unserem Kopf auf wundersame Weise vervielfältigen. Seine skurrilen Kompositionen für Vogelstimmen-Helme, Ruheliegen oder vibrierende U-Bahn-Bänke entfalten eine körperliche Präsenz. (Art Statements, Murray Guy)

3. Basim Magdy (geb. 1977) dekonstruiert in seinen bunten Bildern die Rhetorik von Krieg und Gewalt. Die Filme für seine jüngste Diaprojektion entwickelte er in Essig, Coca-Cola und anderen Hausmitteln, mit denen sich die Demonstranten des arabischen Frühlings vor Tränengas schützten. (Liste, Hunt Kastner)

4. Amalia Pica (geb. 1978) setzt Kunst am liebsten als Instrument des zwischenmenschlichen Austauschs in Szene. Gut möglich, dass die junge Argentinierin einem dafür plötzlich eine Wimpelschnur in die Hand drückt, die man dann mit einem anderen Passanten halten soll – und einfach geht. Manche Statisten ihrer Performances sollen so schon Stunden miteinander verbracht haben. (Art Unlimited, Herald St.)

5. Lutz Bacher stiftet seit Ende der Siebzigerjahre heillose Verwirrung zwischen der Person und der Künstlerin, die sich hinter ihrem männlichen Pseudonym verbirgt. Ein Versteckspiel mit überraschendem Nebeneffekt: Auf diskrete Weise bringen die Rauminstallationen und Videoarbeiten der scheuen Amerikanerin vor allem unsere eigenen Lebensentwürfe ins Wanken. (Art Feature, Ratio 3)

Fotos: MCH Messe Schweiz (Basel) AG (1), Amalia Pica/Courtesy Herald ST/London and Marc Foxx/Los Angeles (1), Matt Mullican/Courtesy of the artist/Klosterfelde/Berlin and Mai 36 Galerie/Zürich (1), Oscar Murillo/Courtesy the artist & Carlos/Ishikawa/London (1), Basim Magdy/Courtesy Galerie Hunt Kastner/Prag (1), Patrick Burns (1), Tadashi Kawamatas/Courtesy the artist (1)

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1.

«The Moment You Realize Eternity Is a One-Way Track» von Basim Magdy (2010).

2.

Auf dem Messegelände der Art Basel.

3.

So gross wie nie und provokant wie immer; die Art Basel zeigt namhafte Künstler: «Strangers» von Amalia Pinca (2008/2011)

4.

Die Baumhütte, wie sie Tadashi Kawamata vor fünf Jahren in Basel an eine Laterne geschraubt hat.

5.

Ushio und Noriko Shinohara in Zachary Heinzerlings «Cutie and the Boxer» (2013).

6.

«Two into One Becomes Three» von Matt Mullican (2011).

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