Das Kompliment

Liebe Viola Amherd

Text: Lara Marty; Bild: Keystone

Viola Amherd

Sie sind eine coole Socke! Darf man das einer Bundesrätin schreiben? Nun gut, da wir nicht irgendwo in einer urchigen Walliser Berghütte beim Apéro sitzen – sondern uns quasi auf öffentlichem Terrain befinden – werde ich mich etwas mässigen. Obwohl ich glaube, dass Sie über solch saloppe Formulierungen genauso gern schmunzeln, wie ich es tue. Also. Neuer Versuch:

Sehr geehrte Frau Bundesrätin Viola Amherd, ich möchte Ihnen ein Kompliment aussprechen, denn Sie imponieren mir nicht nur als Politikerin, sondern – und vor allem – als Mensch. Zum ersten Mal haben wir uns Anfang November 2018 in Ihrer Heimatgemeinde Brig die Hand gereicht. Sie präsentierten sich als Bundesratskandidatin der CVP vor den Medien, ich sollte Ihnen im Interview für ein Newsportal auf den Zahn fühlen. Sie wurden grad quer durch die Medienlandschaft kontrovers diskutiert und standen unter anderem wegen angeblich nur widerwillig ausbezahlter Honorare an zwei Jungnotare unter Beschuss. Ich war gespannt, wie Sie dem enormen Druck so kurz vor den Wahlen standhalten würden. Mein Eindruck: Sie waren ganz bei sich, antworteten selbstsicher und überlegt. Sie liessen sich nicht in die Ecke drängen – aber später im persönlichen Gespräch umso lieber auf Wortspielereien ein. «Wissed de ier, was Pfifoltra beditut?» fragten Sie. «Hm öppa an Maiagügg?», rätselte ich. Ja, mit ihrem Walliser und meinem Bündner Dialekt hätten sich noch lang Spässe über witzige Ausdrücke für Schmetterling und Maienkäfer treiben lassen. Aber es gab Wichtigeres zu besprechen, die Bundesratswahlen standen bevor! Wohl im stillen Wissen um Ihr Können sind Sie völlig entspannt geblieben: Wenn es klappen sollte, sei das schön, wenn nicht, ebenfalls in Ordnung.

Es klappte. Am 5. Dezember 2018 wurden Sie, geschätzte Frau Amherd, in den Bundesrat gewählt. «Strahlefrau Doris Leuthard tritt ab – eine stille Schafferin übernimmt», verkündete die Presse. Als «mächtige Mauerblume» und «unspektakulär bis langweilig» wurden Sie bezeichnet. Was für ein Trugschluss, dachte ich mir.

Auf die Wahl folgte die Vergabe der Departemente. Sie bekamen das Verteidigungsdepartement (VBS). Ein Dämpfer. Ausgerechnet die testosterongeschwängerte Armee. Nicht grad Ihre erste Wahl, gaben Sie ehrlich zu. Meine wäre es auch nicht gewesen. Bisher hatten immer Männer, meist hohe Offiziere, das Amt inne. Man lese und staune: Hauptmann Kaspar Villiger, Major Adolf Ogi, Oberst Samuel Schmid, Major Ueli Maurer und, immerhin, Korporal Guy Parmelin standen an der Spitze. Und dann – nach Jahren der SVP-Männerherrschaft – erhielt das VBS eine Chefin – noch dazu eine, die nie Militärdienst geleistet hat. «Als Frau wird sie sich an den selbstbewussten Männern die Zähne ausbeissen», raunte man sich ahnungsvoll ins Ohr.

Doch das passierte nicht. Nur wenige Wochen später traf ich Sie wieder an Ihrer ersten Medienkonferenz im Amt. Ihr Auftritt: Kompetent, pointiert, dossierfest – voilà. Ihre Mitarbeiter hätten Ihnen vieles erklären müssen, sagten Sie später in den Interviews. Sie haben zugehört, und Sie haben verstanden – um die Dinge dann auf Ihre ganz eigene Art und Weise zu regeln: mutig und überraschend. Jüngstes Beispiel ist die Ernennung von Cyberspezialist Thomas Süssli zum neuen Armeechef. Ein Quereinsteiger – was den Traditionalisten in der Armee, gelinde gesagt, nur bedingt gefallen haben dürfte. Aber ich glaube, «gefallen wollen» steht auf Ihrer Prioritätenliste ziemlich weit unten. Und dafür gefallen Sie mir umso besser.

«Bleib selbstständig und mach dich von niemandem abhängig. Als Frau muss man für sich allein kämpfen», lautete das Lebenscredo, das Ihnen Ihre Mutter schon früh eingebläut hatte. Sie sind unabhängig geblieben. Gewollt ledig und kinderlos, haben Sie als Oberwalliserin aus katholischem Elternhaus mit hergebrachten Lebensnormen gebrochen und sich von alteingesessenen Denkschablonen befreit. Als Bundesrätin kämpfen Sie aber nicht mehr nur für sich allein. Beim Thema Gleichberechtigung fackeln Sie nicht lang und machen klare Ansagen: «Wenn die Qualifikationen haargenau gleich sind, dann werde ich für jeden einzelnen Posten der Frau den Vorzug geben, bis wir die Gleichstellung erreicht haben.» Am Frauenstreiktag haben Sie die Session verlassen, um gemeinsam mit anderen Frauen in Bern auf dem Bundesplatz zu demonstrieren. Sie zeigten Flagge – und dass sie keine untergeordnete Tanzmaus der eigenen Partei sind. Wollten doch die bürgerlichen Frauen an diesem Tag … na ja, sagen wir: nicht so recht in Stimmung kommen.

In einer Zeit, in der möglichst hoch gestapelt und grosszügig inszeniert wird, in der mehr der Schein als das Sein von Bedeutung ist, sagen Sie: «Die beste Idee meines Lebens war, dass ich nie anders sein wollte, als ich bin.» Sie sind eine Frau aus den Bergen, die sich auf den Bühnen dieser Welt zu bewegen weiss. Ohne dabei zu vergessen, woher sie kommt und welche Werte dort gelten.

Für mich sind Sie das Vorbild einer starken Frau, die sich ihre Herzlichkeit im Haifischbecken Bundesbern bewahrt hat und trotz beruflicher Höhenflüge auf dem Boden geblieben ist. Auf die erste Frau an der Spitze des VBS lauern noch jede Menge Fettnäpfchen. Grosse Herausforderungen wie die Abstimmung über einen 6-Milliarden-Franken-Kredit für neue Kampfjets stehen bevor. Der nächste Armee-Skandal wird kommen. Sie werden Fehler machen, und Sie werden dazu stehen – weil auch Sie nicht perfekt, aber einfach eine coole Socke sind.

Liebe Grüsse, Lara

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