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Kein Anruf unter dieser Nummer: Warum ich Telefonieren hasse

Zeitgeist

Kein Anruf unter dieser Nummer: Warum ich Telefonieren hasse

Einige Menschen trauern um die Kulturtechnik des Telefonierens. Unsere Autorin Mareice Kaiser wird nichts vermissen – im Gegenteil.

Mein Handy vibriert, es ist lautlos, wie immer. Ein Anruf. Ich kenne die Nummer nicht. Mir wird heiss und kalt gleichzeitig. Ein Anruf und dann auch noch von einer unbekannten Nummer – das ist so ziemlich das Schlimmste, was man mir antun kann. Ich liebe mein Telefon, aber ich hasse Telefonieren.

Die Kulturtechnik des Telefonierens stirbt aus, wird in einem Artikel der «Zeit» betrauert. In Deutschland werden jetzt die letzten Telefonzellen abgeschafft, in der Schweiz gibt es die Telefonkabinen schon länger nicht mehr. Anrufe aber schon. Und ich kann sehr gut auf sie verzichten. Dabei erinnere ich mich noch gut daran, dass das in meinem Leben auch schon anders war.

Die Telefon-Hierarchie

Ich, Jahrgang 1981, bin mit einem Schnur-Telefon aufgewachsen. Auf dem Dorf, in dem ich lebte, war es als Teenagerin neben meinem Fahrrad der einzige Weg zu meinen Freundinnen. Das Telefon war grün und mit Schnur und in unserer Familie gab es eine Telefon-Hierarchie. Ganz oben stand mein Vater, denn seine Arbeit als Lkw-Fahrer hatte oberste Priorität. Die Leitung musste frei sein für seinen Arbeitgeber. Nach meinem Vater kamen meine älteren Brüder – das hatte weniger etwas mit dem Geschlecht zu tun (glaub ich) als vielmehr mit ihrem Alter. Ich durfte zwar auch mal ran, aber bitte nur kurz, die Arbeit meines Vaters immer im Kopf, die Leitung muss frei bleiben.

Wirklich ungestörte Telefonate gab es nicht, es gab ja die Schnur. Die reichte nur bis zur Kellertreppe, immerhin. Nach fünf Minuten wurde dann aber angeklopft: «Mareice, mach die Leitung wieder frei.» Wirklich entspanntes Telefonieren habe ich erst nach meinem Auszug erlebt. Und nie wirklich geniessen können. Vor allem nicht mit Menschen, die in der Nähe wohnen. Ein kurzes Telefonat, um eine Zeit für ein Treffen zu verabreden, okay. Aber die komplette Gefühlsduselei am Telefon besprechen? Dafür war ich schon immer zu ungeduldig. Mir fallen hundert bessere Tätigkeiten ein, als zu telefonieren.

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«Es gibt Textnachrichten, es gibt Sprachnachrichten, es gibt Mails, es gibt Zoom, es gibt Facetime, es gibt Brieftauben, es gibt Instagram. Warum zur Hölle müssen wir telefonieren?»

Telefonate sind komplett überflüssig

Zum Glück kam dann das Internet! Heute halte ich Telefonate für komplett überflüssig. Es gibt Textnachrichten, es gibt Sprachnachrichten, es gibt Mails, es gibt Zoom, es gibt Facetime, es gibt Teams, es gibt Hangouts, es gibt Briefe, es gibt Brieftauben es gibt Instagram. Warum zur Hölle müssen wir telefonieren? Ich verstehe es wirklich nicht.

Und es liegt übrigens nicht daran, dass ich es nicht kann. Ich kann das sogar ziemlich gut. Ich will nur nicht. Wenn ich mal telefoniere (was nicht oft passiert) oder Sprachnachrichten schicke (was oft passiert), wird mir häufig eine «schöne Stimme» attestiert. Wenn ich als Journalistin irgendwo anrufen muss für eine Recherche, geht das auch recht gut. Dann habe ich einen Auftrag und ein Ziel, keine Schweissausbrüche, ich habe eine Aufgabe und erfülle sie professionell.

Aber angerufen werden? Nein, danke. (Und wer jetzt ruft: Ha, sie telefoniert also doch manchmal! Dem rufe ich zurück: Ja, aber auch das könnte man via Sprachnachricht lösen. Manchmal bekäme man dann sogar überlegtere Antworten zurück. Oder würde sich einfach für ein persönliches Gespräch verabreden. Etwas, was ich gern tue.)

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«Ungefragtes Eindringen in meine Privatsphäre»

Ich finde, angerufen werden ohne Ankündigung unverschämt. Als «ungefragtes Eindringen in meine Privatsphäre» beschreibt es die Autorin Cara Westerkamp. Eine Person, die mich anruft, geht davon aus, dass ich jetzt genau in diesem Moment Zeit habe für ein Gespräch mit ihr, über mehrere Minuten, denn Telefonate dauern ja selten Sekunden. Aber: Vielleicht passt es mir gerade nicht. Damit, dass ich nicht rangehe, bin ich nicht nett. Denn so ein Anruf ist fordernd: Geh ran, sprich mit mir. Ich möchte aber vielleicht nicht. Was dann tun? Viel einfacher wäre es doch, eine Nachricht zu schreiben.

Ich bin mit meinem Unverständnis gegenüber Telefonaten übrigens nicht allein. Kürzlich hörte ich mein Kind, Jahrgang 2013, im Nebenzimmer sprechen und fragte anschliessend: «Hast du gerade telefoniert?» «Ich telefoniere doch nicht!», rief es zurück. «Ich hab gefacetimet!» Klingt logisch. Manche Dinge verändern sich und entwickeln sich weiter. Das ist der Lauf des (Kultur-)Lebens. Ich bin froh, dass unsere Kommunikation sich verändert und telefoniere gern mit Video, mit einem Gesicht dazu und gern auch mit Snapchat-Filtern. Kein Grund, um grüne Schnur-Telefone und überholte Kulturtechniken zu trauern.

Denn wir haben so gute Alternativen: Wenn mir eine Person eine Text- oder Sprachnachricht schickt, kann ich entscheiden, wann ich sie lese oder höre. Ich kann antworten, wenn es mir passt. Und gleichzeitig ersparen wir uns beide Momente, die awkward sind. Wenn zum Beispiel beide gleichzeitig sprechen, weil sie sich nicht sehen. Und man dann wieder beginnt, aber wieder beide gleichzeitig sprechen, bis eine:r sagt: «Sag du». Oder: «Schlechter Empfang.» «Was hast du gesagt?» «Ich kann dich nicht hören.» «Wie bitte?» Telefonieren ist einfach unangenehm. Und unnötig.

Also, an alle, die was von mir wollen: Wir lesen uns.

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Ich finde telefonieren schön, heute ist leider alles nur noch auf Unpersönlichkeit susgeichtet: Schlussmachen per sms, Termine absagen per WhatsApp, Daumen rauf/ runter, bloss schön unverbindlich bleiben! schade! Früher hat man sich noch Zeit füreinander genommen, bei einem persönlichen Telefongespräch höre ich aus der Stimme schon raus, wie es dem anderen geht, warum immer diese Angst, ma( ich) könnte mit dem Anruf jemanden stören? Komische kalte und schnellebiege Welt ist das geworden….