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Leitner lamentiert:

Leitner lamentiert: "Nicht alles ist die Perimenopause!"

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas ist immer. Heute: Die Perimenopause präsentiert uns einen bunten Strauss an Symptomen – und eine weitere unfreiwillige Gelegenheit, sich beim Älterwerden etwas zu genau zu beobachten.

Ich trau mich schon gar nicht mehr zu sagen, dass mir schwindlig wird, wenn ich aufstehe. Oder dass ich bei jedem Scheiss heulen muss. Oder auch, dass ich... Dings... wie heisst's... ja eben, exakt: ein bisschen dumm werde, «Brain Fog» – also Wortfindungsstörungen – habe. Jedes Mal habe ich Angst, dass mein Gegenüber dann seufzt und mir mehr oder weniger vorsichtig zu sagen versucht, dass das vielleicht die Perimenopause sein könnte.

Oder noch schlimmer: dass mein Gegenüber bloss denkt, es könnte die Perimenopause sein, aber sagt, es sei sicherlich das Wetter. Ja, das Wetter. Bevor das Wort Perimenopause in mein Leben rauschte, war das immer ein sicherer Wert im Diagnoserepertoire. Offenbar bin ich aber langsam zu alt fürs Wetter.

«Ich lieb's ja, dass ich mir die Jahre, bis die Perimenopause anfängt, damit versaue, dass ich denke, ich wäre schon mittendrin», sagte eine Freundin Mitte 30, nachdem sie über Müdigkeit und Erschöpfung klagte. Ja, man hat Panik! Paarmal schlecht geschlafen? Perimenopause! Zyklus mal kürzer gewesen? Perimenopause! Zyklus mal länger gedauert? Perimenopause!

«Perimeno» – wie Eingeweihte auch sagen, damit's schneller geht, schliesslich sagt man's oft, denn die Symptome sind vielfältig und quasi universell anwendbar. Stärkere oder schwächere Blutungen, Hitzewallungen, nächtliche Schweissausbrüche, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Gewichtszunahme, weniger Libido, Scheidentrockenheit, you name it. Für eine Frau ab 35 wird da wohl was dabei sein.

Noch vor ein paar Jahren wusste gar niemand, was das ist: die Perimenopause

Sie war im öffentlichen Diskurs kaum präsent. Es handelt sich dabei um diese ominöse Übergangsphase rund um die Menopause, in der sich der Hormonhaushalt zunehmend verändert. Mit der MenoWorld gibt es zum Thema sogar ein eigenes Schweizer Wechseljahrefestival. Einer der Special Guests: genau, die Menopause. Dass sie plötzlich überall ist, zeigt sich vor allem dadurch, dass sie längst in den allgemeinen Sprachgebrauch gerutscht ist.

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"Alles bekommt einen Namen. Das kann befreiend sein, aber auch dazu führen, dass wir uns ständig selbst diagnostizieren"

Sie gehört zum «Therapy Speak»-Vokabular älterer Millennials; ab Mitte 30 kann man theoretisch fällig sein. Trauma, toxisch und narzisstisch? Beschreibt im Alltag nicht mehr nur psychologische Konzepte, sondern vor allem unangenehme Situationen und Menschen. Perimenopause? Inzwischen auch. Wir haben gelernt, unser Innenleben zu analysieren und zu kategorisieren. Alles bekommt einen Namen. Das kann befreiend sein, aber auch dazu führen, dass wir uns ständig selbst diagnostizieren.

Über Plattformen wie TikTok, Instagram und Podcasts wird die hormonelle Übergangsphase vor der letzten Regelblutung offen diskutiert und ist fast schon zum Trend geworden. Das bricht das frühere Tabu auf. Mit dem gestiegenen Bewusstsein geht allerdings auch eine neue Herausforderung einher: die Tendenz, jede gesundheitliche Veränderung in den 30ern und 40ern den Hormonen zuzuschreiben.

Über sieben Brücken musst du gehn

Kreislaufbeschwerden, Stimmungsschwankungen, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme – das sind selbstredend Symptome. Aber auch die Leiden meines Lebens. Aus der Hocke aufstehen, ist Zeit meines fast 42-jährigen Lebens eine wacklige Angelegenheit. Emotionsregulation laut meiner Therapeutin ebenfalls. Und die Wortfindungsstörungen kann ich wunderbar an meinem Vater beobachten. Der sucht oft verzweifelt und treibt dann das wildeste und erfinderisch reizendste Vokabular auf. Natürlich bin ich im kritischen Alter, aber ich verbiete mir auch, mich bei jedem Kopfschmerz als alt markieren zu lassen. Ausnahmsweise will ich auf dieser Trendwelle nicht mitreiten.

Denn nicht alles ist die Perimenopause! Die meisten von uns haben ohnehin schon ein relativ angespanntes Verhältnis zum Älterwerden. Graue Haare werden überfärbt, Gesichter unterspritzt. Dass die Perimenopause endlich öffentlich diskutiert wird, ist grossartig. Dass Frauen ihre Beschwerden nicht mehr einfach hinnehmen müssen, ebenso. Aber irgendwo zwischen Aufklärungspodcast, Insta-Story und Wechseljahre-Festival ist aus dem Wissen um eine Lebensphase auch die Erwartung geworden, noch genauer in sich hineinzuhorchen.

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"Das führt dazu, dass wir uns noch genauer nach Fehlern abklopfen. Das macht einen doch wahnsinnig!"

Ist das schon die Perimenopause? Wo bleibt sie? Bin ich alt? Oder noch nicht? Frauen werden ohnehin ständig auf ihr Alter reduziert. Paradoxerweise wird die Perimenopause so zu einem weiteren Vehikel der Altersangst. Und das führt dazu, dass wir uns noch genauer nach Fehlern abklopfen. Das macht einen doch wahnsinnig. Ich brauche eine Perimeno-Pause!

Irgendwann krachen die Wechseljahre mit voller Wucht ins Hormonkarussell. Dann fliegt so einiges, und vermutlich wird das unangenehm bis blöd. Aber bis dahin würde ich mich gerne furchtlos an meinem Körper erfreuen – und im Übrigen möchte ich das auch danach. Die Wechseljahre klingen immer wie die Fährfahrt in die Hölle. Hölle klingt doch aber eigentlich nach Spass: nach weniger Sorgen vielleicht, nach mehr Nonchalance und dem Verabschieden gewisser Erwartungen. Jede Phase hat ihre Vorteile. Und mit der Perimenopause ist es wie mit der Übergangsjacke: Die gibts, aber keiner weiss so genau, wann ihre Zeit gekommen ist.

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Was für eine privilegierte Haltung. Wer 2 Jahre lang mit Antidepressiva behandelt wurde, um dann rauszufinden, dass es die Depression mit Hormonen behandelbar wäre, findet die Diskussion ganz sicher nicht übertrieben.

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