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Politik

Meinung: Wir brauchen eine neue Diskussionskultur

Helene Aecherli
Helene Aecherli

Redaktorin

Nach der Debatte ist vor der Debatte: Um für die nächste gewappnet zu sein, brauchen wir eine neue Diskussionskultur jenseits ideologischer Bubbles. Eine Kultur, die sich durch intellektuelle Demut und Weitsicht auszeichnet, weil die Suche nach Wahrheiten nicht nur komplex, sondern auch nie zu Ende ist.

Heute, aus der sicheren Distanz der Retrospektive, lässt sich getrost sagen: Die Initiative zum Burka-Verbot war richtig, richtig fies. Sie polarisierte wie schon lang keine mehr, zwang Feministinnen in eine fast schon unerträgliche Pattsituation und verleitete ein Nein-Komittee dazu, den Nikab mit Pizza, Crocs und Koriander gleichzusetzen, womit es dieses Symbol einer totalitären religiösen Ideologie nicht nur ins Lächerliche zog, sondern dazu beitrug, es zu mainstreamen. Aber mehr noch: Die Debatte um die Verhüllungsinitiative legte die Gräben innerhalb des linken Politspektrums offen und entblösste dabei auch deren Bubbles. Das per se ist zwar nicht besonders spektakulär, denn solang diese Echokammern darauf ausgelegt sind, die eigene Community auf Social Media zu bespassen, sind sie ja nicht allzu problematisch.

«Hätte ich mich geoutet, wäre ich als Rassistin abgestempelt worden»

Doch wurden im Verlauf der Debatte Stimmen laut – und überraschenderweise gerade Stimmen von jungen Frauen – die kritisierten, dass in ihrer Bubble ein «Kult der Rechtschaffenen» vorherrsche. Ein Kult, der all jene mundtot macht, die es wagen, die in der Bubble vorherrschende Meinung zu hinterfragen oder gar mit einer gegenteiligen Ansicht herauszufordern. Eine Kollegin formulierte es so: «Ich stehe selber politisch links und bin Feministin, trotzdem war ich für das Verhüllungsverbot. Doch das habe ich geheim gehalten, weil es gegen die Normen meiner Bubble verstiess. Hätte ich mich geoutet, wäre ich dem rechten Lager zugeordnet und als Rassistin abgestempelt worden. Dem wollte ich mich nicht aussetzen. Also habe ich geschwiegen.»

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Im Prinzip ist es paradox: Bis vor Kurzem fusste die politische Auseinandersetzung auf dem gewohnten Links-Rechts-Schema. Nun aber spielt sie sich immer stärker auch zwischen den unterschiedlichen Schattierungen innerhalb des linken Lagers ab. Treiberin dieses Kampfes ist die «kulthafte» Linke, darunter viele Anhängerinnen und Anhänger der «Woke»-Bewegung, die sich leidenschaftlich gegen soziale Ungerechtigkeiten, Rassismus und für den Schutz von Minderheiten einsetzt, dieses – berechtigte und wichtige! – Engagement inzwischen aber derart ideologisch betreibt, dass sie die Komplexität eben dieser Themen komplett aus den Augen verloren hat.

Hartnäckig wird ausgeklammert, dass Minderheiten keine homogenen Gruppen sind

So wird etwa hartnäckig ausgeklammert, dass Minderheiten keine homogenen Gruppen sind, sondern aus Individuen bestehen; dass selbst innerhalb von Minderheiten Menschenrechtsverletzungen verübt werden. Und dass die Mehrheitsgesellschaft durchaus dazu berechtigt ist, auch an Minderheiten Forderungen zu stellen. Vor allem aber wird übersehen, dass im Bestreben, tolerant und inklusiv zu sein und immer schön auf der «richtigen» Seite der Geschichte (und der Bubble) zu stehen, Andersdenkende diskriminiert werden – Menschen, die, wie meine Kollegin, «sich weigern, alles mit dem Schwarz-Weiss-Bulldozer zu überfahren». Und das kommt jenem moralisch-ideologischen Konstrukt gefährlich nah, das wir seit der Aufklärung bekämpfen.

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Eine Diskussionskultur, die von der Diversität der Stimmen lebt

Was nun? Schweigen ist keine Lösung, allzu nett sein auch nicht. Vielmehr tun wir gut daran, im Hinblick auf künftige Debatten, und zwar zu Themen jeglicher Art, unsere Blasen platzen zu lassen – zugunsten einer neuen Diskussionskultur im Freundeskreis, auf Social Media ganz besonders, aber auch in Zeitungen, Magazinen und am Fernsehen. Eine Diskussionskultur, die von der Diversität der Stimmen lebt; die Fragen und Momente des Zweifelns zulässt; in der es nicht darum geht, zu punkten, sondern zuzuhören; die Nuancen fördert und sich durch intellektuelle Demut und Weitsicht auszeichnet, weil die Suche nach Wahrheiten nicht nur komplex, sondern auch nie zu Ende ist.

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Vera

Danke, Frau Aecherli, für diese Analyse und sehr klaren Worte. Mir ging es genau gleich wie Ihrer Kollegin. Nur dass ich nicht geschwiegen habe. Ich war erstaunt ob der Feindseligkeit und kochenden Emotionen in den jeweiligen Diskussionen. Enttäuscht war ich, dass ich gleich als islamophob abgestempelt wurde. Dabei ist das so weit weg von der Realität. Diese Bubbles sind sehr gefährlich. Das weiss jede*r, die in der Schule “Die Welle” gelesen hat.

Helene Aecherli

Liebe Vera,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Und gut, haben Sie den Mut gehabt, nicht zu schweigen. Ich denke, das ist die einzige Art, diese Bubbles platzen zu lassen. Ja, ich empfinde diese Bubbles auch als gefährlich und vor allem: als undemokratisch.
Lieber Gruss,
Helene Aecherli