Frauen verdienen noch immer zu wenig

So viel Lohn wollen wir

Text: Stephanie Hess; Bild: Christopher Kuhn

  • Wie hoch muss ein Salär sein, damit es die geleistete Arbeit honoriert?

Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer – das zieht sich durch alle Branchen. In feminisierten Berufen wie in der Kinderbetreuung oder in der Pflege sind die Löhne zudem generell tief. Wir wollten darum wissen: Wie hoch muss ein Salär sein, das die geleistete Arbeit ausreichend honorieren würde? Acht Frauen geben Antworten. 

Sonja A., (49) stellvertretende Leitung Pflegedienst, Zentralschweiz. Lohn: 6800 Franken bei 90 Prozent. Forderung: Bessere Arbeitsbedingungen
Neben der stellvertretenden Leitung Pflegdienst war ich unter anderem zuständig für die Apotheke und den Materialeinkauf. Ich verantwortete alle Audits mit den Krankenkassen und schulte das Personal. Mein Pikettdienst für die Pflege war immer gratis, ich durfte diese Zeit nicht aufschreiben. Ich war insgesamt 23 Jahre in der Pflege tätig – und ich würde auch für mehr Lohn nicht mehr zurück. Erst müssen sich die Arbeitsbedingungen ändern und Missstände behoben werden wie, dass man allein Nachtdienst für 54 Bewohnerinnen und Bewohner leisten muss. Meine Forderungen: Es braucht mehr gut ausgebildetes Personal. Überzeit und Einsatzplanänderungen dürfen nicht an der Tagesordnung sein. Beruf und Familie müssen besser vereinbar sein.

Andrea Sigrist* (36), Kita-Gruppenleiterin, Graubünden. Lohn: 4700 Franken bei 100 Prozent. Forderung: 5500 bis 6000 Franken.
Ich bin seit 17 Jahren als Kleinkinderzieherin/Fachfrau Betreuung in verschiedenen Kindertagesstätten als Gruppenleiterin tätig. Ich habe bisher noch nicht einmal die 5000er-Grenze «geknackt». Ich wünsche mir einen Lohn von 5500 bis 6000 Franken. Ich denke, das wäre fair.

Sarah Boril (29), Hebamme mit Bachelor of Science im Gebärsaal, Zürich. Lohn: 4700 Franken bei 80 Prozent. Foderung: 6000 Franken.
Ich bin in meiner Arbeit immer für zwei Menschenleben verantwortlich – für jenes des Babys wie jenes der Mutter. Arbeite ich 100 Prozent , erlaubt der in diesem Berufsfeld typische Schichtdienst kaum noch Zeit fürs Privatleben.

Natalie Althaus, (49), Hausfrau, Mutter und Studentin, vier Kinder, Thun. Lohn: 0 Franken. Forderung: Geld für Care-Arbeiterinnen
Ich finde, es sollte für alle kindbezogenen Care-Arbeiterinnen einen Lohn geben. Für alle unbezahlten Mamistunden, die Grosi-Hütezeit, damit die Eltern arbeiten können, den Nachbarinnen-Mittagstisch und so weiter. So kann auch die Problematik der Sozialversicherungen abgefedert werden. Mehr als 90 Prozent der unbezahlten Arbeit wird heute von Frauen erledigt. Besonders im Ruhestand wirkt sich das auf diese Frauen aus – weil sie keine Pensionskasse haben. 

Claudia Leupold (55), früher auf der kantonalen Verwaltung als Fachstellenleiterin tätig, Bern. Lohn: 9800 Franken bei 100 Prozent. Forderung: keine
Als ausgebildete Projektleiterin, erfahrene Ernährungsberaterin, erfahrene Autismusberaterin und siebenfache Mutter finde ich denselben Lohn, wie ich ihn bei meiner letzten Festanstellung hatte, gerechtfertigt: 9800 pro Monat.

Joelle Andermatt* (35), Pflegefachfrau bei spezialisierter Spitex, Luzern. Lohn: 3200 Franken bei 50 Prozent. Forderung: 4700 Franken
Ich bin ausgebildete Pflegefachfrau, habe viele Jahre auf einer spezialiserten Abteilung im Spital gearbeitet und bin heute zu 50 Prozent bei einer spezialisierten Spitex angestellt. Ich arbeite manchmal am Wochenende und habe in regelmässigen Abständen Pikettdienst in der Nacht. Die Tage, an denen ich arbeite, wechseln. Das macht auch die Organisation der Fremdbetreuung meiner knapp einjährigen Tochter schwieriger. Ich finde, mein Lohn honoriert meine Arbeit nicht genug. Es müssten mindestens 1000 bis 1500 Franken mehr sein. 

Sandra Bauer* (36), Kommunikation, Zürich. Lohn: 7600 Franken bei 100 Prozent. Forderung: 9000 Franken.
Ich war in diesem Job in der Kommunikationsbranche für 13 Leute verantwortlich. Er war sehr fordernd, ich leistete viele unbezahlte Überstunden, Nacht- und Wochenendarbeit. Dafür erhielt ich einen Lohn von 7600 Franken, was ich als viel zu wenig empfand – im Anbetracht dessen, was ich alles tat und wofür ich zuständig war. Es hätten mindestens 1400 Franken mehr sein sollen. Das sagte ich meinen Chefs auch so. Sie meinten, dass sich da nichts machen liesse. Heute arbeite ich bei einer NGO. Da sind die Löhne generell eher tiefer, ich verdiene 5100 Franken für 70 Prozent. Ich finde auch das nicht viel, es ist für mich aber in Ordnung. Auch, weil ich keine Leitungsfunktion inne und nun normale Arbeitszeiten habe.  

Anja Peter (40), Historikerin und Projektleiterin, Bern. Lohn: 4000 Franken bei 60 Prozent. Zudem Hausfrau und Mutter, drei Kinder, Bern. Lohn: 0 Franken bei 40 Prozent. Forderung: 5000 Franken
Ich fordere 5000 Franken Lohn für meine Arbeit als Mutter und Hausfrau. Die Ökonomin Mascha Madörin schreibt dazu: Wenn man alle unbezahlte Arbeit von Männern und Frauen rund ums Aufziehen von Kindern bis vierzehn Jahre bezahlen würde, wären das in der Schweiz geschätzte 110 Milliarden Franken pro Jahr. Also etwa 7000 Franken im Monat pro Paarhaushalt mit zwei Kindern. Abzüglich der Arbeit meines Mannes ergäben das rund 5000 Franken Lohn für mich.

* Name geändert

Herzlichen Dank an diverse Frauenstreik-Komitees, die unseren Aufruf auf Social Media geteilt haben. 

Wie viel Lohn wollen Sie?

Wir würden uns freuen, wenn noch mehr Frauen bereit sind, ihr Gehalt unter ihrem Namen oder einem Pseudonym offenzulegen und zu sagen, wie viel Lohn mehr sie für ihre Arbeit als angemessen empfänden. Mail an stephanie.hess@annabelle.ch

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