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"Wir sind die Säulen": Wie Frauen im Ukrainekrieg die Gesellschaft zusammenhalten

Im Ukrainekrieg bilden Frauen wie Olga und Anna das Rückgrat der Gesellschaft. Ein Einblick in eine Welt, die oft unbeachtet bleibt.

Du, Olga*, 38, wohnst mit deinen Kindern Marika und Mikhailo unter einem friedlichen Himmel in der Stadt Oleksandriia in der Mitte der Ukraine. Wenn der Luftalarm die Stille deiner Strasse mit den kleinen Häusern durchschneidet, dann nur, weil eine tödliche Waffe auf dem Weg von der Front in wichtigere Städte über euch fliegt.

Dein Haus mit den blau-grün bemalten Aussenwänden ist klein, zwei Zimmer, eines für die Kinder, eines ist Wohn- und zugleich dein Schlafzimmer. Daneben die Küche und draussen der Garten mit Hibiskus- und Granatapfelsträuchern, ein Trampolin, ein Hängesessel. In dem du sitzt, wenn du einen Trauerort brauchst, sagst du.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Du und die Kinder, ihr seid sicher hier. Der Krieg erreicht euch nicht. Aber er hat dir den Ehemann genommen. Er fiel bei Bachmut in einer der schlimmsten Schlachten dieses Krieges. Erst hiess es, er sei verwundet, und jemand wollte gesehen haben, dass er noch lebe.

Du hast alle Militärspitäler, viele Kommandeure und Soldaten angerufen. Neun Tage hast du nach ihm gesucht. Du sagst, es seien Tage zwischen Hoffnung und Verzweiflung gewesen.

Dann fand man seine Leiche, es war der 30. November 2023, neun Monate nach dem Beginn des Krieges. Du hast ihn identifiziert. Er war Gewehrschütze und bis zuletzt auf seinem Posten geblieben, dann traf ihn eine Kugel in den Hals, er verblutete.

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Zehn Jahre wart ihr verheiratet. In deinem Zimmer hängen die Fotos eurer Hochzeit und von fröhlichen Tagen mit den Kindern. Reisen, Ausflüge, Familienzeit. Ihr wart eine schöne Familie, du eine schöne Frau, dein Mann attraktiv, die beiden Kinder immer strahlend.

Ihr habt euch auf einem Tanzabend kennengelernt und ein Jahr später hielt er um deine Hand an. Du sagst: Er hat mich glücklich gemacht und dann ist er in die Ewigkeit verschwunden.

Keine Wahl

Die meisten Berichte über den Ukrainekrieg sind Berichte über die militärische Situation, neue oder fehlende Waffen, politische Krisen und immer wieder die Frage, wie und wann dieser Krieg zu Ende gehen wird. Die meisten Berichte widmen sich dem Grauen: Verschleppungen, Folter, zerbombte Häuser, Tote.

Vom zähen, mühsamen, sorgenerfüllten Alltag erfährt die Welt wenig. Vom Weitermachen auch noch im fünften Jahr des Krieges, von den verwitweten Frauen und verwaisten Kindern, denen, die um ihre Männer, Väter, Brüder Angst haben und dennoch funktionieren müssen, erzählt kaum jemand.

Höchstens die Statistiken der Hilfsorganisationen und die Flut an Angeboten für Mütter und Kinder: Sommerfreizeiten, Gesprächsgruppen, psychologische, finanzielle und medizinische Unterstützung, Existenzgründung und Weiterbildung, Kinderbetreuung und Kreativkurse.

Du, Olga, sagst, nichts habe dich darauf vorbereitet, dass dein Mann eines Tages an die Front gehen würde. All dein Betteln und Weinen nützte nichts. Du hast seine Papiere versteckt, doch er fand sie. Er ging am frühen Morgen, als du noch schliefst, und liess sich rekrutieren.

Niemals hättest du dir in den glücklichen zehn Jahren vorstellen können, dass dieser Mann, der so wunderbar mit dir tanzen konnte, der Kultur liebte, zerfetzt in Bachmut sterben würde. Er liess dir keine Wahl, so wie der Krieg ihm keine Wahl liess.

Lernen, was zuvor der Mann tat

Die Aufgabe der Frauen, das Rückgrat der Gesellschaft zu bilden, braucht viel Kraft. Neben der alleinigen Familienverantwortung, weil ihre Ehemänner an der Front sind oder gefallen sind, obliegt den Frauen, den Müttern auch oft die finanzielle Existenzsicherung.

Sie leisten, was sie leisten müssen, oft unter täglichem Raketenbeschuss, dazu kommen Stromausfälle, kalte Winter ohne Heizung, Mangel an medizinischer Versorgung und die Bewältigung von Angst und Trauer.

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"Der Schmerz kommt in Wellen. Mal sanft, mal mit Gewalt"

Olga

Du, Olga, bist zusammengebrochen. Da war der Rohbau im Garten, der ein zweites Haus werden sollte mit genügend Platz für euch alle. Da war dein Sohn, Mikhailo, damals sechs Jahre alt. Der alles verstand und dich anschrie, was denn all die Gebete zu Gott wert gewesen seien. Der, wenn du geweint hast, auch weinte.

Da war Marika, die Zweijährige, die heute keine Erinnerung mehr an ihren Vater hat, der du aber immer wieder Bilder eures gemeinsamen Lebens zeigst. Du hast nicht gewusst, wo du anfangen sollst, alles zu lernen, was zuvor dein Mann tat.

Du hast dir Videos auf Youtube angesehen, um das Haus weiterzubauen, die Zündkerzen im Wagen auszutauschen, du hattest Geldsorgen und manchmal warst du wütend auf deinen Mann, dass er fortging und getötet wurde.

Der Schmerz, sagst du, kommt in Wellen. Mal sanft, mal mit Gewalt.

Der weibliche Krieg

Im Krieg geht es um Tod und Überleben. Sieg oder Niederlage, Heldentum oder Feigheit. Dort, wo gekämpft wird, ist die Welt archaisch, brutal und blutig.

Wo nicht gekämpft und gestorben wird, geht es um das Leben, die Zukunft, die Aufrechterhaltung all dessen, was die Zivilisation hervorgebracht hat: Ein Zuhause, Gemeinschaft, genügend Geld zum Leben, behütete Kinder. Die Geschichten der Frauen über den Krieg sind andere als die der Männer. Ihre Tragik ist still, sie taugt nicht für Schlagzeilen.

Die Vereinten Nationen bezeichnen diese Zahlen nur als Spitze des Eisbergs, denn über Opferzahlen in den besetzten Gebieten ist nichts bekannt. Dass angesichts all der Gefahr und der Trauer die Frauen standhalten, schreibt Olena Rozvadovska der ukrainischen Geschichte zu.

In dieser habe es schon viele Kriege gegeben, mussten Frauen schon immer das Leben aufrechterhalten, wenn ihre Männer kämpften. «Frauen in unserem Land brauchten niemals einen Mann, um zu bestehen. Und wir alle hatten Grossmütter und Mütter, die uns lehrten, stark zu sein.»

Rozvadovska ist Menschenrechtlerin und Mitbegründerin der lokalen Hilfsorganisation Voices of Children, eine der grössten Organisationen in der Ukraine. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Kinder durch den Krieg zu begleiten.

In den vergangenen zehn Jahren, schon während des Donbas-Krieges, haben sie und ihre Kolleginnen 47'545 Kinder und Mütter wie auch Väter psychologisch betreut. 2023 listete BBC sie als eine der hundert mächtigsten Frauen weltweit.

Das Leben danach

Der Krieg, sagt Rozvadovska, bringe Armut, Angst, Gefahr und grosse Verluste, aber bislang habe er die Ukrainer: innen nicht gebrochen. Verzweifelt seien sie dennoch. In ihrer Sprechstunde sitzen Mütter, die nicht wissen, wie sie ihren Kindern den Tod des Vaters beibringen sollen, wie sie trauern dürfen, ohne ihre Kinder zu traumatisieren, die nicht wissen, wie sie ihnen erklären sollen, warum ihre Stadt beschossen wird, sie viele Nächte in Bunkern verbringen müssen.

Viele Kinder litten an Depressionen, weil sie ihre Gefühle nicht ausdrücken könnten, verfielen in Sprachlosigkeit und seien kaum noch erreichbar. «Wir helfen den Müttern, in unserer psychologischen Beratung zu verstehen, was in den Kindern vorgeht.»

Zu all den Problemen, die der Krieg den Frauen bereite, sagt Rozvadovska, käme der dramatische Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt. Traumatisierte Männer prügelten im Fronturlaub ihre Frauen.

Man müsse sich auf die Zeit vorbereiten, wenn der Krieg beendet sei, die Soldaten nach Hause zurückkehrten und dort auf Frauen träfen, die kaum bereit wären, ihre Stärke und Unabhängigkeit wieder aufzugeben. «Es wird auch für diese Phase viel psychologische Unterstützung brauchen.»

Kaum freie Zeit

Du, Anna, grosse Frau mit grossen Händen und einem entschlossenen Gesicht, hast schon in Nova Kachovka eine Frauengruppe betreut. Es ging um Geschlechtergleichheit, Sicherheit vor sexuellen und anderen Übergriffen und um Existenzgründungen.

"Wir Frauen sind auch eine Frontlinie"

Anna

Nun, in Odessa, gönnst du dir wenig freie Zeit. Du hast einen kranken Mann zuhause, einen, der nicht an die Front muss, aber dennoch den Krieg nicht erträgt, und einen siebenjährigen Sohn.

Als du nach Odessa kamst, hast du Hilfe vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz bekommen, und gleich wolltest du etwas zurückgeben. Wenn die erschöpften Geflüchteten mit neuer Frisur aus deinem Zimmer gehen, eilst du ins Militärspital, um den Verwundeten die Haare zu schneiden.

Nach dem Krieg willst du die amputierten Soldat:innen darin ausbilden, sich als Coiffeur:innen ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Du sagst, die Männer seien viel schwächer als die Frauen, sie litten darunter, dass der Krieg sie hilflos mache, sie ihre Familien nicht beschützen und versorgen könnten.

Du sagst: Wir Frauen sind auch eine Frontlinie. Eine, die halten muss und halten wird. Eines Tages, nach dem Krieg, willst du all die Geschichten aufschreiben, die die Frauen dir erzählten. Das Buch soll den Titel tragen: «Wir sind die starken Säulen.»

Zuversicht im Sommercamp

Du, Olga, hast uns in dein Haus gelassen, in deiner Küche haben wir Teigtaschen ausgestochen und mit Käsemasse gefüllt, mit deinen Kindern haben wir gespielt, in deinem Garten haben wir gegessen, und die Blüten an den Sträuchern rochen nach Sommer. Es war ein schöner Tag mit dir.

Du hast erzählt von einem Sommercamp weit weg von der Front, in dem du mit den Kindern warst. «Da habe ich die Geschichten von Frauen gehört, die viel schlimmer waren als meine.»

Der geteilte Schmerz, die Gemeinschaft, die Stunden mit der Psychologin, es hat dir gutgetan, und du sagst, du seist wieder aufgestanden. Für dich, für die Kinder und für deinen Mann, der nicht wollen würde, dass dein Leben zu Ende ist.

Mit diesen Frauen bist du noch immer in Kontakt, ihr schreibt euch jeden Tag und fragt einander, wie es euch geht. Ihr telefoniert, ihr helft euch gegenseitig, wenn es Dinge gibt, die eine nicht allein kann. Jahrestage überstehen, zum Beispiel.

Marika ist nun in einer Turngruppe, seit kurzem kann sie den Spagat. Mikhailo macht Kampfsport, und du übst manchmal die Griffe mit ihm, wie sein Vater es getan hätte. Und du sagst: «Ich bekomme wieder Luft.»

* Die Nachnamen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes weggelassen

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