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LGBTQIA+

Wie ist es eigentlich… als Zeuge Jehovas schwul zu sein?

  • Text: annabelle
Kris (29), Gastro-Arbeiter, Zürich

Kris* aus Zürich erzählt uns von seiner Erfahrung.

Meine Mutter kam aus Bosnien in die Schweiz, als sie meinen Vater heiratete. Sie hatte Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Bei den Zeugen Jehovas fand sie Sicherheit, eine Familie. Ich war ein Jahr alt, als meine Mutter Mitglied der Gemeinschaft wurde, die als Sekte gilt. Bekannt sind die Zeugen fürs Missionieren an der Haustür mit ihrer Zeitschrift «Wachturm» und dafür, dass sie Bluttransfusionen ablehnen, und – wie viele andere strenggläubige Gemeinschaften – auch dafür, dass sie Homosexua­lität als unnatürlich bezeichnen. Schwul zu sein ist für sie eine Sünde.

Dass ich auf Jungs stehe, habe ich gemerkt, als ich zehn Jahre alt war – zwei Jahre später war ich zum ersten Mal verliebt. Ich wusste, dass ich meine sexuelle Neigung geheim halten musste, obwohl Ehrlichkeit in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas oberste Priorität hat. Nach meiner ersten sexuellen Erfahrung mit 17 Jahren und weil mich das schlechte Gewissen plagte, führte ich also ein Beichtgespräch mit den Ältesten. Ich spürte ihren Ekel. Aber sie waren natürlich verpflichtet, mich auf den vermeint­lich richtigen Weg zu führen. Im Gespräch zeigten sie mir Bibelstellen, die mich bekehren sollten: «Ein Mann, der mit einem Mann liegt, wird nicht Gottes Erbe antreten.»

Ein Jahr später ging ich wieder zur Beichte, um Abbitte zu leisten für weitere sexuelle Erlebnisse. Und dann nochmals – ein letztes Mal. Nach jeder Beichte fühlte ich mich der Gemeinschaft fremder. Die Antwort, die sie mir am Ende gaben, überraschte mich: «Du musst herausfinden, was du willst. Nie­mand wird gezwungen, zu bleiben.» Im gegenseitigen Einverständnis verliess ich darauf hin die Gemein­schaft. Meine Mutter war traurig und enttäuscht. Ich erinnere mich, dass sie zu mir sagte: «Jetzt liegt alles in Gottes Händen, ich habe meine Pflicht getan.» So, als hätte sie ihren Sohn durch den Austritt aus der Gemeinde verloren. Dass sie mich liebte, daran liess sie aber nie einen Zweifel.

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Nach dem Austritt kam eine sehr schwierige Zeit: Nicht nur der Kontakt zu meiner Mutter erlosch, sondern auch der zu meinen Freunden. Ausserhalb der Gemeinschaft hatte ich niemanden. Nach fast zwei Jahrzehnten musste ich mir zum ersten Mal die Frage stellen: Wer bin ich? Was möchte ich von und in meinem Leben überhaupt? Eineinhalb Jahre sass ich depressiv zuhause. Irgendwann kam der Moment, in dem ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Um neue Bekanntschaften zu finden, habe ich die Dating­App Grindr heruntergeladen, die insbesondere homosexuelle Männer nutzen. So lernte ich meinen ersten Kollegen kennen. Mit ihm ent­deckte ich die Schwulenszene und all ihre Parties. Und: Ich lernte meinen ersten festen Freund kennen.

Noch heute denke ich, dass meine Beziehung zu meiner Sexualität gestört ist. Nach dem Sex be­schleicht mich ab und zu immer noch ein schlechtes Gefühl. Auch deshalb hab ich nun eine Psycho­therapie begonnen. Je mehr schwule Männer ich aber kennenlerne, die zufrieden mit ihrer Homosexualität sind, desto besser kann ich mit meiner sexuellen Orientierung umgehen und mich als normal und gut betrachten. Nicht nur in der Liebe, auch sonst im Leben habe ich Schwierigkeiten, meinen Weg zu finden. Bei den Zeugen werden Entscheidungen für dich getroffen, dein ganzes Leben lang. Was ich aber auch von ihnen gelernt habe, ist, selbstlos, hilfsbereit und aufrichtig zu sein. Nicht immer gegenüber mir selbst. Aber im­merhin gegenüber meinen Mitmenschen.

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