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Warum mich das Ende des Lockdowns nervös macht

Zeitgeist

Warum mich das Ende des Lockdowns nervös macht

  • Text: Vanja Kadic
  • Bild: Stocksy

Ein Jahr Corona und zwei Lockdowns wirken sich auf die eigene Sozialkompetenz aus, findet Redaktorin Vanja Kadic. Wie wird das «New Normal» wohl aussehen?

Ich habe Beklemmungen, wenn ich bei Netflix Szenen sehe, die in vollen Bars oder Clubs spielen. Dicht an dicht in einem Raum voller Fremder, ohne Maske, ohne Abstand? Unvorstellbar, dass das im realen Leben je wieder möglich sein wird. Aber so langsam scheint diese Realität immer näher zu kommen – wir könnten, Impfungen sei Dank, bald wieder ein Leben führen, das nicht von Virus und Massnahmen dominiert wird.

Die Öffnung der Terrassen von Restaurants und Cafés ist ein grosser Schritt in diese Richtung und der Bundesrat verkündete vor einigen Tagen mit dem Drei-Phasen-Modell, wie die kommenden Monate aussehen könnten. So weit, so gut. Schliesslich haben wir nach einem Jahr Coronakrise alle genug. Wir wollen wieder ein normales Leben führen, ohne schlechtes Gewissen in die Ferien, an Konzerte und Festivals, sehnen uns nach Selbstbestimmung und nach einem Alltag ohne diese ständige lauernde Unsicherheit.

Worüber spricht man, wenn nichts passiert?

Nur: Wie soll das «New Normal» aussehen? Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich vergesse manchmal, wie das Leben vor Corona war. Und der Gedanke an die Rückkehr zur Normalität in ein coronafreies Leben stresst mich. Wie wird das, wenn man wirklich wieder in einer Menschenmenge steht – und mit zig Leuten irgendwie interagieren muss? Ich mache manchmal doofe Witze darüber, dass ich in den vergangenen Monaten vergessen habe, wie Socializing geht. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich in letzter Zeit immer wieder ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich meine Sozialkompetenz verliere. Wie geht Smalltalk? Worüber spricht man, wenn nichts passiert? Ich frage mich, ob wir wieder lernen müssen, unter Menschen zu sein, wenn das alles vorbei ist.

Letzten Sommer hatte sich die Situation in der Schweiz nach der ersten Welle etwas beruhigt. Die Bars und Cafés waren geöffnet, man traf sich vermehrt draussen, ich verliess das Homeoffice ab und zu, um (mit Schutzmassnahmen) im Büro zu arbeiten. Ich kann mich gut daran erinnern, wie erschöpfend sich diese seltsame Übergangszeit damals anfühlte. Am Ende des Tages kam ich überwältigt nachhause und war bereits nach den kürzesten Begegnungen oft überfordert.

Zu viele Eindrücke

Vor allem Interaktionen mit Menschen, die sich nicht in meiner Mini-Bubble befanden, waren anstrengend. Eindrücke der Stadt, die früher ganz normal waren, waren mir schnell zu viel. Es war so, als hätte sich mein Gehirn an die zähe graue Eintönigkeit des Lockdown-Lebens gewöhnt. Dieses Gefühl meldet sich nun, mit dem Zugang zu Terrassen, wieder zurück. Und ich weiss, dass ich damit nicht allein bin.

«Für viele Menschen war es eine grosse psychische und körperliche Belastung, sich an das Pandemie-Leben anzupassen», sagte die Psychologin Carla Marie Manly kürzlich zu «Vogue». «Kaum sind die neuen Routinen zur Gewohnheit geworden, stehen bereits neue Veränderungen an. Es gibt kein klares Datum für das Ende der Pandemie – und diese Unsicherheit kann neue Ängste auslösen. Während das Ende der Pandemie eine gute Nachricht ist, haben viele Leute einen gewissen Trost in ihrem Pandemie-Lifestyle gefunden.»

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Was ist überhaupt «normal»?

Viele Menschen sind verunsichert und werden nervös, wenn sie an ein Leben ausserhalb ihrer «Covid Cave» denken. Das mag an der Angst vor Covid liegen oder am Gedanken, sich wieder an die Gesellschaft akklimatisieren müssen. Oder viele fürchten, dass einige der lieb gewonnenen neuen Strukturen, die durch Corona entstanden sind, wieder verschwinden. Zum Beispiel die Möglichkeit, von zuhause zu arbeiten. Die Pandemie ist ein traumatisches Ereignis auf globaler Ebene – und der Wiedereintritt ins «normale» Leben nicht für alle gleich einfach. Denn Covid hat unsere Wahrnehmung von dem, was als normal angesehen wird, verändert. Jetzt müssen wir neu definieren, was normal überhaupt bedeutet. Und das ist anstrengend.

So fühlt sich fast die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner laut einer Umfrage der «American Psychological Association» unwohl beim Gedanken an eine reale Interaktion mit anderen Personen nach dem Ende der Pandemie. Das klingt so bizarr und dystopisch wie eine wahrgewordene «Black Mirror»-Folge. Aber sollten wir ohne grosse Plot-Twists auskommen und weiterhin erfolgreich impfen, haben wir die Coronakrise schon bald hinter uns.

Neue Routinen etablieren

Was also tun, um sich darauf psychisch vorzubereiten? Vaile Wright von der «American Psychological Association» sagt, es sei «ziemlich normal», sich nervös zu fühlen. Wichtig sei, kleine Schritte zu gehen, um sich wieder zu integrieren. «Das Schlimmste, was wir tun können, ist es, Dinge, die uns Angst machen, komplett zu vermeiden», so Wright. Dies möge kurzfristig funktionieren, aber längerfristig verstärkt es die Vorstellung, das alles eine Bedrohung ist. Dass wir durch die Pandemie eine Zunahme an Fällen mit sozialer Angststörung erleben werden, glaubt Vaile Wraight nicht – viele Leute werden sich einfach «sozial ungeschickt» verhalten, sagt sie. Was eben normal sei, wenn man sich seit einem Jahr mit Pandemie-Problemen herumschlagen muss.

Wie lang die Pandemie noch andauert, bleibt offen. Obwohl Horror-News über Indien, wo Covid-19 erbarmungslos wütet und die Menschen in Einfahrten von Spitälern sterben, Angst machen: Die Zeit danach wird kommen. Der Weg dahin mag nervös machen. Es braucht Kraft, neue Routinen zu etablieren. Vielleicht reden wir blödes Zeug, weil wir vergessen haben, wie Smalltalk geht. Und benehmen uns ein bisschen awkward und ungeschickt. Aber immerhin sind wir damit nicht allein.

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trisha

ein aussergewöhlicher artikel aus einem anderen blickwinkel. solche gedanken habe ich mir noch nicht gemacht, doch wie die autorin schreibt wird es sachen geben (homeoffice) und anderes das ich nach dem ende der pandemie vermissen werde.
vielen dank für ihre sichtweise und anregenden gedanken