Christie Hefner

Christie Hefner - Begegnung mit der ehemaligen "Playboy"-Chefin

Text: Frank Heer; Fotos: Timothy Devine

Christie Hefner - Begegnung mit der ehemaligen
e
f

«Einerseits betrachte ich mich als Feministin, anderseits bin ich mit dem ‹Playboy› aufgewachsen »: Christie Hefner

Sie ist nicht nur die Tochter von Hugh Hefner, dem grössten Playboy aller Zeiten, sondern auch visionäre Unternehmerin - und überzeugte Feministin. Christie Hefner führte mehr als 25 Jahre das Erotik-Imperium ihres Vaters. Jetzt widmet sie sich lieber der Politik.

Wer denkt, der «Playboy» sei in den letzten Jahrzehnten von einem Mann geführt worden, hat weit gefehlt: Chefin des Erotikmagazins war während mehr als 25 Jahren eine Frau. Sie ist die Tochter von Hugh Hefner, eine visionäre Geschäftsfrau – und überzeugte Feministin.

Das US-Magazin «Forbes» wählte sie gleich dreimal zu den hundert mächtigsten Frauen der Welt. Das ist selbst im Land der Listen und Superlative nicht übertrieben: Christie Hefner (57) trat für Barack Obama ein, lange bevor die Welt seinen Namen kannte, und hievte Hillary Clinton in den Senat. Sie gründete Frauennetzwerke, sammelte 30 Millionen Franken für ein Aids-Forschungs-Center in Chicago und berät einen links-liberalen politischen Thinktank in Washington. Doch vor allem: Sie war während 33 Jahren die visionäre Frau im Schatten
ihres berühmten Vaters, des «Playboy»-Gründers Hugh Hefner. Als Generaldirektorin rettete sie sein serbelndes Magazin in die Zukunft, indem sie es in ein Multimedia-Imperium umwandelte.

«Ich möchte mein Leben nicht im Bademantel verbringen», soll sie anspielend auf die notorische Garderobe ihres Vaters einmal gesagt haben. Christie Hefner, die englische Literatur studiert hatte, rechnete denn auch nur mit einem kurzen Intermezzo beim «Playboy», als ihr «Hef» 1975 einen Job in der Firma anbot. Aus dem Intermezzo wurden über sechs Jahre. Danach stieg sie erst zur Präsidentin, später zur CEO des Unternehmens auf. Ganz im Gegensatz zum 84-jährigen Vater – der sich noch immer mit Blondinen vergnügt, die halb so alt sind wie seine Tochter – verkörpert Christie Hefner eine fast konservative Zurückhaltung. «Er war der Kreative», pflegt sie zu sagen, «ich kümmerte mich um die Zahlen.»

Als der «Playboy» 1953 zum ersten Mal erschien, war er ein Magazin mit revolutionärem Konzept: Nackte Schönheiten reizten neben Essays von Kurt Vonnegut oder Norman Mailer. Salvador Dalí und Andy Warhol lieferten Beiträge. Der «Playboy» sah sich gern in der linken politischen Ecke. Er engagierte sich für das Recht auf Abtreibung, Frauen- und  Schwulenrechte und für die Aidsprävention. Trotzdem höhnte die US-Feministin und -Publizistin Gloria Steinem: «Als Frau den ‹Playboy› zu lesen, ist, wie wenn man als Jude ein Nazihandbuch studieren würde.»

In den Neunzigern schreckte Christie Hefner, die sich immer als Feministin bezeichnete, erneut Frauenrechtlerinnen auf, als sie Unternehmensanteile an Firmen in der Pornobranche wie Spice TV oder Club Jenna erstand. «Pornografie bedient die menschliche Lust an sexuell expliziten Inhalten», erklärte sie in einem Fernsehinterview in gewohnt sachlichem Ton und begründete den Schritt als «Business».

Christie Hefner wuchs mit ihrem Bruder David in einem Chicagoer Nobelvorort auf. Die Eltern trennten sich, als sie sechs Jahre alt war. Angeblich war es die Mutter, Mildred Williams, die ihren Mann zuerst betrog, während dieser Militärdienst leistete. Aus Schuldgefühlen erlaubte sie ihm, mit anderen Frauen zu schlafen. Die Situation geriet aus dem Ruder, 1959 folgte die Scheidung. Gelegentlich schickte Papa eine Limo vorbei, um die Kinder zum Essen abzuholen.

Als auch die zweite Ehe der Mutter zerbrach, erklärte Christie ihrem Vater: «Mutter hat dich nie um etwas gebeten. Nun braucht sie deine Hilfe. Ich möchte, dass du ihr ein Haus kaufst.» Er hörte auf sie, wie er auch in den folgenden Jahrzehnten auf sie hörte, zum Beispiel, als seine zunehmend peinlichen Auftritte und geschäftlichen Fauxpas der Firma zu schaden begannen. «Nun werde ich besser schlafen», soll er gesagt haben, nachdem ihn die Tochter 1982 aufforderte, ihr das Präsidium zu überlassen.

Anfang letzten Jahres trat Christie Hefner mit einem Abschiedsbonus von zwei Millionen Franken aus der Konzernleitung zurück, um sich hinter den Kulissen von Politik und Wirtschaft zu engagieren. Der Demokratischen Partei von Illinois spendete sie über die Jahre rund 200 000 Franken. Seit 1995 ist Christie Hefner mit dem Immobilienhändler und ehemaligen Senator William A. Marovitz verheiratetet. Das Paar lebt kinderlos («Es hatte sich nie ergeben») in Chicago. Zum Interview im New Yorker Plaza Hotel erscheint Christie Hefner im sachlichen dunkelgrauen Deuxpièces, ihre Haare silberblond, das Gesicht dezent gepudert. Eine freundliche, entschlossene Frau, die druckreif spricht. Zwischen ihren Augen wölbt sich immer dann ein energisches Grübchen, wenn sie einer Aussage besonderen Nachdruck verleihen will – und das tut sie fast immer.

annabelle: Christie Hefner, Sie haben sich für Barack Obama stark gemacht, lange bevor er als US-Präsident kandidierte.
Christie Hefner: Ja, ich unterstützte Barack seit seiner Kandidatur für den Senatssitz im Jahr 2004.

Wie erlebten Sie ihn als Menschen?
So, wie man ihn auch in seiner Rolle als öffentliche Person wahrnimmt: selbstsicher, aber nicht in einer arroganten, sondern ausgewogenen, ruhigen Weise. Er ist sehr intelligent und schnell, aber auch ein guter Zuhörer. Ein Familienmensch mit hohen Werten, ohne ideologisch zu sein. Seine Ansichten sind progressiv, doch es ist ihm wichtig, die effektivste Lösung zu einem Problem zu finden, statt einfach seine Sicht auf die Dinge durchzusetzen. Und er hat eine bezaubernde Frau.

Warum haben Sie nicht Hillary Clinton unterstützt? Sie hätte die erste Frau im Oval Office sein können.
Ich bin eine grosse Bewunderin der Aussenministerin und habe stets an ihre politischen Fähigkeiten geglaubt. Auch anfänglich, als viele zweifelten, dass die ehemalige First Lady auch eine gute Senatorin werden würde. Trotzdem war ich überzeugt, dass Barack Obama mit seinem multikulturellen Hintergrund und seiner Fähigkeit, Menschen zusammenzuführen, der bessere Präsident sein würde, derjenige, den Amerika zurzeit braucht.

Haben Sie gewusst, dass die Frauen in der Schweiz erst seit 1971 abstimmen dürfen?
Das weiss ich, denn mein Stiefvater ist Schweizer.

Tatsächlich?
Ja, deshalb verfolge ich die Dinge, die in der Schweiz passieren, etwas genauer. Als ich hörte, dass die Schweizerinnen erst seit 1971 wählen dürfen, war ich schockiert, weil es nicht dem progressiven Image entspricht, welches das Land in vielen anderen Dingen verkörpert.

Dafür ist die Prostitution seit 1942 legal, in den USA allerdings nach wie vor verboten.
Ich weiss.

Würden Sie die Prostitution legalisieren, wenn Sie die Macht dazu hätten?
Auf jeden Fall. Die Kriminalisierung hat zur Folge, dass Prostituierte von Freiern und Zuhältern ausgebeutet und missbraucht werden, ohne als Opfer verstanden zu werden. In der Illegalität besteht überhaupt keine Kontrolle über das Gewerbe.

Ist das die berühmte US-Doppelmoral: Man verbietet käuflichen Sex, aber das Gewerbe blüht trotzdem?
Das überrascht nicht, wenn man sich daran erinnert, dass die USA – trotz ihrer bemerkenswerten Errungenschaften für die Freiheit des Individuums – ein grosses puritanisches Erbe tragen, welches sich in unserer Gesellschaft in millionenfacher Art und Weise äussert. Bei «Playboy» habe ich dieses Puritanische direkt erlebt, als wir für Homosexuellenrechte, das Recht auf Abtreibung oder Verhütungsmittel kämpften. Ein Beispiel: Erst seit wenigen Jahren wird auch in kommerziellen US-Zeitschriften oder -Zeitungen für Kondome geworben. Im «Playboy» war das immer ganz normal, weil Präservative zur öffentlichen Gesundheit beitragen.

Sie haben 33 Jahre für «Playboy» gearbeitet, davon über 25 Jahre an der Spitze des Unternehmens. Dabei mussten Sie sich immer wieder Vorwürfe von Feministinnen gefallen lassen, ein Männerheft zu leiten, das Fotos von nackten Frauen verkauft.
In den ersten Jahren, als noch hitzige feministische Debatten geführt wurden, gab es Frauen, die radikale Positionen einnahmen und jede Form von Sexyness ablehnten, sei es das Konzept der Misswahlen oder Zeitschriften wie «Playboy» oder auch nur «Sports Illustrated». Bei Vorträgen oder Reden, die ich damals gehalten hatte, stellten mir diese Frauen auch entsprechende Fragen.

Was haben Sie geantwortet?
Mir fiel es immer leicht, meinen Standpunkt darzulegen, denn einerseits betrachte ich mich selbst als Feministin, anderseits bin ich mit dem «Playboy» aufgewachsen. Er lag bei uns zu Hause zwischen anderen Magazinen wie dem «New Yorker» oder «The Atlantic». Ich kannte die Leute, die für das Heft arbeiteten, wusste, dass die «Playboy» Foundation zusammen mit der Amerikanischen Bürgerrechtsunion eine entscheidende Rolle im Kampf für die Frauenrechte einnahm. Ich hatte also viele gute Argumente, das Unternehmen und meine Arbeit zu verteidigen. Seit den Höhepunkten der feministischen Debatte sind zwei oder drei Generationen junger Frauen herangewachsen. Meine Erfahrung ist, dass sich diese die Freiheit nehmen, selbstbewusst und unabhängig zu sein, gleichzeitig aber nichts Verwerfliches darin sehen, sich sexy zu kleiden. Zu meiner Zeit konnte man keinen kurzen Jupe anziehen und intellektuell ernst genommen werden.

Die Auflage des «Playboys» sinkt ständig. Die Einnahmen stammen mehrheitlich von Pornos im Netz, die der «Playboy»-Konzern unter Ihrer Leitung aufschalten liess …
Nein, der überwiegende Teil der Einnahmen stammt von Lizenzgeschäften mit dem «Playboy»-Brand.

Aber «Playboy» Enterprises verkauft trotz des soften Häschen-Images auch Pornografie, etwa im Internet oder übers Privatfernsehen.
Das stimmt. In den Neunzigerjahren lancierten wir auf Wunsch eines grossen Kabel-Anbieters einen Privatsender, über den man Pornofilme per Bezahlung sehen konnte, statt dafür in die Videothek gehen zu müssen. Allerdings nicht unter dem «Playboy»-Brand.

Sie sehen sich als Feministin. Ist Pornografie da kein Widerspruch?

Nein, als Feministin bin nicht gegen Bilder, die expliziten Sex darstellen, sondern gegen Bilder, die Sex mit Gewalt gegen Frauen in Verbindung bringen.

Hatten Sie keine Bedenken, als Sie Ihr Vater direkt von der Uni in die Firma holte?
Doch, meine politische Position war damals stark geprägt von der Zeit, in der ich aufwuchs. Doch auch vom liberalen Umfeld der Brandeis-Universität in Massachusetts, an der ich Literatur studiert hatte. Ich zweifelte, ob ich mich in einem Grosskonzern wie «Playboy» wohl fühlen würde. Als ich den Job antrat, dachte ich, dass ich das ein Jahr tun würde, um danach in Yale den Doktor in Jus und Politik zu machen.

Warum wollte Sie Ihr Vater unbedingt an Bord haben? Er kannte sie ja kaum.
Ich glaube, dass er mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen wollte.

Weil Sie sich nach der Scheidung Ihrer Eltern kaum mehr gesehen hatten?
Ich hatte ihn mit meinem Bruder gelegentlich besucht. Das war meiner Mutter wichtig. Sie hatte nie schlecht über meinen Vater geredet, war immer stolz auf das Magazin, das er verlegte. Sie wollte nicht, dass wir den Kontakt mit ihm verlieren. Trotzdem verbrachten wir wenig Zeit mit Dad. Paradoxerweise lernten wir uns erst 1971 besser kennen, als er seinen Wohnsitz von Chicago nach Los Angeles verlegte. Denn der Umzug hatte zur Folge, dass ich ihn nun zwar seltener besuchte, dafür meistens ein paar Tage blieb statt nur zum Abendessen.

Wie sah es in seinem legendären ersten «Playboy»-Mansion in Chicago aus?
Es hatte einen grosszügigen Eingang mit einem gigantischen Wohnzimmer und hohen Decken mit kunstvollen ornamentalen Stuckarbeiten. Hier fanden oft rauschende Partys oder Filmvorführungen statt. Im Garten gab es einen Swimmingpool mit einer Unterwasserbar, und die Küche war rund um die Uhr bedient. Der beste Ort für uns Kinder aber war der Game Room, wo allerlei Automaten herumstanden, mit denen wir stundenlang spielen konnten, ohne Münzen einzuwerfen.

Waren Sie sich eigentlich bewusst, dass Sie einen sehr ungewöhnlichen Vater haben?
Jede Familie ist auf ihre Weise ungewöhnlich. Nur kennen Sie ihre Geschichte nicht – im Gegensatz zu meiner …

Wie ist es, die Tochter von Hugh Hefner zu sein?
Ehrlich gesagt kann Ihnen dazu keine Antwort geben, da ich nicht weiss, wie es ist, einen anderen Vater zu haben. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass er nicht bei uns war, als ich ein Kind war, und dass mich meine Mutter allein aufzog. Die meisten meiner Qualitäten, auf die ich wirklich stolz bin, verdanke ich ihr. Etwa meine intellektuelle Neugierde, meine Liebe zur Literatur, mein politisches Interesse, meinen Charakter. Ich war bereits eine junge Frau, als ich zum ersten Mal eine ernsthafte Konversation mit meinem Vater über Gott und die Welt führte.

Sie haben erst mit 42 Jahren geheiratet. Hatte das etwas damit zu tun, dass Sie als Scheidungskind die Fehler Ihrer Eltern vermeiden wollten?
Schwierig zu sagen. Ich hatte ein paar sehr befriedigende Langzeitbeziehungen. Doch es war einfach nie mein Lebensziel, zu heiraten. Schon möglich, dass die beiden zerbrochenen
Ehen meiner Mutter eine Rolle spielen, aber ich denke gleichzeitig, dass nichts falsch daran ist, ledig zu sein und keine Familie zu haben. In meinem Bekanntenkreis bin ich berüchtigt für diese Einstellung. Ich werde kaum mehr nach meiner Meinung gefragt, bahnt sich irgendwo eine Hochzeit an. Denn meine erste Frage lautet immer: Warum?

Und warum haben Sie dann doch noch geheiratet?
Ich war zehn Jahre lang mit einem Mann zusammen, der mir plötzlich erklärte, dass er heiraten, Kinder haben und mit mir nach Los Angeles ziehen wolle. Damit war ich überfordert. Wir trennten uns. Ein paar Monate später traf ich einen Bekannten, den ich länger nicht mehr gesehen und der sich ebenfalls gerade aus einer Langzeitbeziehung gelöst hatte. Wir kamen zusammen …

… und heirateten, nachdem Sie sich so lange gesträubt hatten?
Nun, er war wohl einfach der richtige Mann zur richtigen Zeit.

«Playboy» zu kaufen
Kaum ein Produkt steht in so enger Verbindung mit seinem Schöpfer wie der «Playboy». Hugh Hefner verkörpert das Image des mondänen Erotikers und Lebemanns noch mit 84. Doch nun, wo Tochter Christie das Unternehmen verlassen hat, sucht «Hef» einen Käufer für sein Weltimperium. Es würde das Ende einer schillernden publizistischen Erfolgsgeschichte bedeuten, die seit 57 Jahren untrennbar mit einem Mann im seidenen Bademantel verbunden ist.

Empfehlungen der Redaktion

Begegnung

Begegnung mit Polo-Star Ignacio «Nacho» Figueras

Mehr aus der Rubrik

Die Studie

So geht es den Schweizer Frauen

Von Helene Aecherli